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29. Juli 2010.

http://de.wikipedia.org/wiki/Ungl%C3%BCck_bei_der_Loveparade_2010

Habe mir einige Tage die Ereignisse und Meinungen rund um die Tragödie um die Loveparade in Duisburg am 24. Juli 2010 im Internet angesehen. Auch konnte ich beobachten, wie die Leute auf Twitter damit umgehen. Betroffenheit war in erster Linie zu spüren und dann die vielen verschiedenen Arten, das zu verarbeiten. Manchen ging es vielleicht auch am Arsch vorbei und weil sie immerhin wissen, dass so etwas gesellschaftlich geächtet ist, versuchten viele, den Schein zu wahren, bevor sie dann ein paar Stunden später wieder in den üblichen Ironie-, Witze- und Beziehungsstresssimulationstweetmodus verfielen. Manche wirkten dabei vollkommen abgestumpft. Andere eher hysterisch. Man warf sich gegenseitig Pietätlosigkeit vor.

Es kursierten einige Youtube-Filme von der Tragödie und es gab große Aufregung darum. Ich kann nicht behaupten, dass ich angesichts des Videos weinend zusammen gebrochen wäre. Ich bin nicht gefühlskalt, aber ich weiß gar nicht, bei welcher der unfassbar vielen Katastrophen, die ich den ganzen Tag, oft beiläufig oder gar beim Abendessen so wahrnehme, die ich in der Tagesschau sehe, im Internet, in den Tageszeitungen, ich mehr oder weniger betroffen sein müsste. Es ist einfach nicht mehr möglich, das alles aufzunehmen.

Vielleicht hat aber auch ein Ereignis in meinem Leben dazu beigetragen, dass ich den Tod heute anders wahrnehme als der Schnitt der Gesellschaft. Es war am 6. Juli 1976, da habe ich mit meiner damals 6-jährigen Schwester eine Straße in unserer Nachbarschaft überquert. Wir kamen gerade aus unserem Garten, der sich in den Weinbergen am Rande von Wiesbaden befand. Es war heiß an diesem Tag und uns war langweilig. So schlug ich vor, nach Hause zu gehen. Wir überquerten also die Straße, ich ging vor, meine Schwester bummelte hinterher und ich konnte gar nicht so schnell schauen und meine Schwester auch gar nicht warnen, da kam ein Auto mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit angefahren,erfasste meine Schwester und schleuderte sie durch die Luft. Sie starb an den Folgen ihrer inneren Verletzungen. Die grässlichen Details, die Geräusche, ihre Schreie, all das hat ab da mein Leben geprägt. Anschließend war alles anders. Ich war neun Jahre alt und am nächsten Morgen hatte ich das Gefühl, irgendwie erwachsen geworden zu sein. Es hat mich seelisch an den Rand des Lebens gedrängt. Ich musste den Tod verarbeiten. Vieles weist heute darauf hin, dass dieser grässliche Umstand meinen Charakter entscheidend und nicht unbedingt negativ geprägt und beeinflusst hat.

Nach einigen Tagen im Schockzustand bin ich mit meinem Kumpel raus und wir haben mit Kreide auf die Straße überfahrene Menschen mit Reifenspuren über dem Gesicht und heraushängenden Gedärmen gemalt und uns dabei kaputt gelacht. Die Nachbarn, meine Eltern waren natürlich entsetzt. Aber ich glaube heute, dass ich in diesem Moment die Tragödie für mich eingeordnet habe. Irgendwie war das der Punkt, der mir den Weg geebnet hat, das schlimme Ereignis als ein Teil des Lebens zu betrachten und zu akzeptieren. Leuten, die das Gefühl haben, sie könnten und dürften nach so einer Tragödie nie wieder lachen, kann ich ad hoc natürlich keinen Tipp geben, der nicht banal und dämlich anmaßend anmutet, aber es ist schon immer auch ein bisschen so, wie Dragoslav Stepanovic den Fans am 16. Mai 1992, nach dem 1:3 der Franfurter Eintracht gegen Hansa Rostock und der damit verlorenen Meisterschaft lakonisch mit auf den Weg gab: »Lebbe geht weider!«

Das ist alles schwer zu erklären, aber es sind doch nun in den Jahren so viele grauenhafte Ereignisse passiert und Angehörige und Freunde sind gestorben. Unzählige Dramen und Todesfälle, warum also geht den Menschen plötzlich eine bestimmte Tragödie so viel mehr unter die Haut? Irgendwann in den Neunzigern, da gingen in irgendeinem Skigebiet in den Alpen ein paar Lawinen ab, so dass einige Menschen verschüttet und andere in den Tälern eingeschlossen waren. Man hat tagelang darüber berichtet, ein ARD-Brennpunkt nach dem anderen zeigte irgendwelche Leute in Aufregung. Die Menschen im Lande litten mit und es mutete zynisch an, darauf hinzuweisen, dass ein Grund für die vielen Lawinenabgänge eventuell auch die Abholzung sämtlicher Hangbepflanzung zugunsten von noch ein paar mehr Skipisten und Skiliften sein könnte. Mal von anderen Maßnahmen wie Schneekanonen abgesehen. Mitten in dieser Zeit, in denen die Skiurlauber in den Alpen eingeschlossen waren, gab es eine Flutkatastrophe in Südamerika, in deren Verlauf über 40.000 Menschen ums Leben kamen. Dieser Nachricht wurden ca. 15 Sekunden Zeit und ein paar klitzekleine Artikel in den Printmedien eingeräumt. Sie ging schlichtweg unter. Es entstand bei mir der Eindruck der unterschiedlichen Wertigkeit von Menschen. Ähnliches ist zu beobachten, wenn beispielsweise beim Absturz eines Flugzeugs die Menschen erst unruhig werden, wenn »Deutsche unter den Opfern« zu verzeichnen sind. Gerade ist in Pakistan ein Flugzeug abgestürzt, aber es ist keine Zeit und keine Trauer mehr übrig für ein Flugzeug voller Inder und Pakistanis. So ist das.

Andererseits ist es nicht verwunderlich, dass aller Welt der Atem stockt angesichts hunderter messerscharfer Aufnahmen der Flugzeuge, die ins WTC gecrasht sind. Die richtigen Bilder schicken die Tragödie direkt in Hirn und Herz. Daher ist eine Demokratisierung der Bilder wichtig. Plötzlich wird deutlich, warum selbst gestandene Sanitäter angesichts der zerquetschten Loveparade-Besucher weinend zusammengebrochen sind. Man kann es erahnen. Vielleicht muss man sich diese Bilder auch anschauen, um irgendwas zu begreifen. Der Grad zur Sensationsgierbefriedigung ist sicher schmal, aber der Umgang mit dem Tod, mit der Tragödie muss dringend von allen Menschen erlernt werden. Es macht keinen Sinn, wenn ein Individuum sich das Elend der anderen zu seiner eigenen Sache macht und daran zerbricht.

 

Huck Haas

 

 

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