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Er war nicht mehr da.
Sie waren alle nicht mehr da.
Aber in den Geschichten und Anekdoten, die über den alten Holztisch im griechischen Restaurant gerufen wurden, waren sie alle wieder präsent. Die Musik war sehr laut und von früher. Und auch die Geschichten waren nicht neu, aber deshalb erzählten sie sie. Nur deshalb. Sie waren ihre Verbindung. Die neuen Geschichten hatten sie am Nachmittag erzählt. Sie waren am Kanal entlang gelaufen und hatten einander auf dem Ausflugsschiff Bilder gezeigt – von den Kindern, von den Wohnungen, von ihren Leben in den fremden Städten, die jetzt Zuhause waren.

Als es langsam dunkel wurde, waren sie an der Straßenecke, die früher mal Heimat war, zum Griechen gegangen und hatten Bier bestellt. Die Kellnerin erinnerte sich an sie. Sie knallte eisgekühlte Flaschen auf den Holztisch, über dem sie einander Erinnerungen aufwärmten. Sie suchten gemeinsam nach Namen, kramten nach Reisedaten und durchwühlten ihre Erinnerungen: als Vorbereitung für morgen. Die Bilder, die sie sich jetzt zeigten, entstanden in ihren Köpfen. Sie waren greifbarer als die Fotos auf dem Smartphone, denn sie waren unzählige Male nacherzählt und wiederholt worden. Sie hatten sie auswendig gelernt und verfeinert. Sie waren ihre Verbindung – in eine Welt aus Reisebussen und Schullandheimen. In eine Welt, die es nicht mehr gab.
Das wussten sie und doch war keiner traurig. Sie bestellten noch eine Runde, freuten sich auf morgen und scherzten mit der Kellnerin.
Sie brachte die Biere – und die Traurigkeit.

Die Kellnerin wusste, warum er nicht da war – heute, am Tag vor dem großen Abitreffen, bei dem sie sich alle wieder treffen wollten.
Herzinfarkt. Vor ein paar Tagen. Seine Eltern planen die Beerdigung. Er war nicht mehr da.

 

Dirk von Gehlen

 

 

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