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Nachdem er das Zimmer verlassen hatte, griff ich meinen Anorak und floh durch die Hintertür nach draußen in die Nacht, lief in den Wald, der das Haus umgab, den dunklen Forstweg hinauf. Nicht umknicken, nicht stürzen, nur das nicht. Ich lief und lief, hinter mir leuchteten die Fenster des Hauses. Immer mehr Äste schoben sich ins Bild, bis irgendwann alles um mich herum nur noch finster war. Zurück konnte ich niemals. Vielleicht hatte ich schon da zum ersten Mal diesen Gedanken, gleich am Morgen, sobald die Läden öffnen würden, im Nachbarort Schlaftabletten zu kaufen. (Ja, heute weiß ich, das hätte nicht geklappt. Ich pubertierte und ich war unter diesen Umständen nicht besonders clever, nehmen Sie das so hin.) Nach einer Weile schlug ich mich vom Weg ins Dickicht, ein gutes Stück durch die Büsche, und kauerte mich irgendwo ins weiche, feuchte Laub. Der Wald roch gesund und frisch nach Tanne. Kalt wurde mir, aber was spielt es für eine Rolle, sich halbtot zu frieren, wenn man sowieso ganz sterben will. So weit ich mich erinnere, hatten wir Oktober.

Mein Leben war verkorkst. Ich war verkorkst.

Das Problem war ich selbst. Mich auszulöschen die Lösung. Was man so denkt, wenn man als Teenager nicht mehr weiß wohin.

Ich muss etwas erläutern: Noch am Vormittag hatte mich ein Abiturient, der mich regelmäßig in seinem Golf zur Schule mitnahm, zu einem Parkplatz am Wald gefahren. Er kurbelte die Scheibe herunter und gebot mir zu lauschen. Nach Sekunden nur hörten wir es – ein Grollen, das unzufrieden klang, irgendwie empört. Tiefe, unmenschliche Laute waren das. Und das nicht nur aus einer Richtung. Der Abiturient sagte: Die Hormone machen ihn rasend. Wenn ein brunftiger Hirsch dich sieht, geht er auf dich los. Der geht mitten durch deine Brust mit dem Geweih. Dann trampelt der auf dir herum. Und Kraft hat der. Kein schöner Tod. Passiert immer wieder. Wir fahren jetzt auch besser los.

Die Hirsche hatte ich vergessen. Während ich auf dem Waldboden lag, weinend, knackte es zu meiner Rechten oder Linken. Ich sah nichts als das Schwarz der Nacht. Da war es wieder. Ein Stöhnen, vielleicht auch ein Grunzen. Äste brachen, Laub raschelte hinter mir oder links oder rechts, immer lauter, und der Hirsch, was sonst, schnaubte und röchelte, gleich neben mir, anscheinend wenige Schritte entfernt, bereit mich aufzuspießen in seiner animalischen Wut.

Jetzt stirbst du, dachte ich, glasklar, ganz pur, als würde ich mit einem Mal in absoluter Gewissheit die Welt begreifen, und alles wurde ernst: Nur ich und der Tod. Nichts sonst. Keine Fassade mehr, kein Getue, keine Lügen, kein Witz, kein Verstecken vor mir selbst. Das alles war unnötig geworden. Nur ich blieb übrig. Der Tod als ein freier Augenblick, wahrscheinlich der einzige im Leben.

So war es.
Das Ende.
Klarheit.
Bewusstsein.
Präsenz.
Für immer.

 

Angela Temming

 

 

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