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Meine Todessehnsucht begleitet mich schon so lange. Der Wunsch nach ewigem Frieden, in dunkles, warmes Torf gebettet, versunken, ganz und gar, dieses Bild macht mich glücklich – glücklicher, als die Sinnlosigkeit dieses mit Beschwerden, Schmerzen und Problemen beladenen Lebens, in dem ich sowieso noch nie richtig Fuß fassen konnte. Genau genommen bin ich im Leben nie richtig angekommen und ich wüsste auch keinen Grund, warum ich sollte. Alles ist voraussehbar und läuft nach denselben, sinnlosen Mustern ab.

Auch meine Mutter trug diese Todessehnsucht lange in sich. Als sie sich entschieden hatte, ihr nachzugeben, sich ins Wasser zu legen und zu sterben darin und ich dann gerufen wurde; vor ihrem leblos im Wasser treibenden Körper stand, da war ich neidisch auf sie. Ich spürte unseren nie ausgesprochenen Pakt der gemeinsamen Todessehnsucht. Ja, Mutter, im Gegensatz zu allen Anderen verstehe ich dich, verstehe deinen Entschluss, deinem Leben ein Ende zu setzen, dich der zärtlichen Hand des Todes hingegeben zu haben. Sie verstehen nicht, dass ich nicht weine, dass ich nicht entsetzt bin. Du, du verstehst es. Du hast es vor mir geschafft. Seit deinem Todestag träume ich intensiver von meiner Sehnsucht.

Ungefähr ein Jahr nach deinem Weggang besucht er mich, der Tod. Sein Mantel, den er um mich legt, wird zum schwarzen, grenzenlos leeren, eisigen Raum. Ich fühle mich verloren und angsterfüllt, all meine Träume und Vorstellungen über den Tod werden in dieses dunkle Nichts gesaugt. Keine Hingabe, keine Erleichterung, nur ein fühlloses Eingenommenwerden. Mein Herz gibt endgültig auf. Das Ende?

Warmes, gleißendes Licht umhüllt und erhellt mich plötzlich mit Macht. Der schwarze Mantel zieht sich im selben Moment zurück. Mein Herz beginnt von neuem zu schlagen und ich bin wieder hier. Im selben Hier, wo ich mich nicht zugehörig fühle. Das Leben hat mich wieder an sich genommen. Mutter, ich darf diese Einladung nicht ausschlagen und weißt du was: Heute Nacht träume ich wieder von diesem in dunklen, warmen Torf gebetteten, ewigtiefen Frieden.

 

Rolando B. Santana

 

 

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