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Der Tod ist mir das erste Mal begegnet, als ich noch nicht geboren war, direkt auf mich zu ist er gekommen und hat gewunken und eine fahle Laterne hochgehalten, geschwenkt und gelockt hat er, vielleicht gerufen, das weiß ich nicht mehr, gehört habe ich nichts und bin geblieben, wo ich war, nur viel zu früh in die Welt gerutscht zu einer Zeit, als noch Tage entschieden haben über ein Leben, und nicht Wochen.

Das zweite Mal war ich sieben Jahre alt, und der Erbonkel war gestorben, ich konnte es hören am Ton der Mutter, die ins Telefon sprach, Telefone standen damals auf einem Tischchen in einer Nische im Flur, in der Diele. Im Wohnzimmer selten, da stört das Ding, wenn es uns ranklingelt und an die kurze Leine der Kommunikation legen will, sagte man bei uns, als ob das Telefon anrufen würde, und nicht die Großmutter, die ihren Schlüssel nicht finden konnte, oder den zweiten Schuh nicht, und wahrscheinlich nur allein war im siebenhundert Kilometer entfernten Heimatdorf, siebenhundert Kilometer, das war hundertmal weiter weg als die Flötenstunde, und die war schon fast eine halbe Stunde zu fahren.

Gestorben ist er, weil er nicht genügend getrunken hat, von da an trank ich, so viel ich konnte, nur keine Milch, die ist ein Nahrungsmittel.

Die Nieren hatten versagt, und ich dachte an die gekrümmten Gebilde in hellbrauner Soße, Sonntagsessen bei der anderen Großmutter, mit der Gabel hineingepiekste Löcher schlossen sich gleich wieder, als wäre noch Leben in ihnen, unüberwindbar mein Widerstand, schon vor dem Tod des Onkels, und danach war nicht einmal mehr die Möglichkeit geblieben, wenigstens die Soße aufzutunken mit dem Brot vom Vortag.

Willst du ihn noch einmal sehen, fragten die Großmütter, die Tanten, die allesamt Großtanten waren oder zweiten Grades, manche musste man Fräulein nennen. Ja, sagte ich, und stellte mir den Onkel vor, mit Sonnenbrille wie immer, und zurückgekämmten Haaren, ganz glatt lagen sie am Kopf an, wie mit Spucke festgeklebt, in seinem Badezimmer stand ein Topf mit Pomade, und ein klebriger Kamm lag daneben, und eine Tube Ajona, wie in allen Haushalten, die ich kannte.

Einen Spazierstock hatte er, an dem hielt er sich fest, auch wenn er saß, direkt vor sich stellte er ihn auf den Boden, legte die rechte Hand auf den Knauf und die linke Hand über die rechte, ließ die Arme ein wenig durchhängen und zeigte mit dem Kinn hier- und dorthin, kennst du den, das ist der Großbauer und der, der hat unsere Molkerei gekauft, guter Mann, geh, und sag Guten Tag.

In der Kapelle dann ein Sarg, darin ein Fremder.

Ein Stuhl in der Ecke leer, ich blieb stehen und wartete, ob der Onkel noch kommen würde, und sich hinsetzen und die Hände auf den Spazierstock legen, aber die Tantenhände schoben mich weiter, hier ist er, der Gute, und jemand hob mich hoch, damit ich sehen konnte, wie sie weinten und seine Stirn küssten, und dann beugte ich mich ebenfalls über ihn und roch die Pomade und, ich bin sicher, einen zartfeinen Hauch Ajona.

 

Pia Ziefle

 

 

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