47

Am meisten gelernt habe ich durch den Tod von Menschen, die ich kaum kannte. Gleich am Anfang meiner Grundwehrdienstzeit in Brandenburg verunglückte ein Kamerad aus meiner Gruppe am Wochenende mit dem Auto. Das war ein junger geradliniger Typ und es gibt keine bedeutsame Geschichte dazu. Sonst sind wir ja immer bestrebt, dem Sterben einen höheren Sinn oder zumindest eine Zwangsläufigkeit suggerierende Begründung zu verleihen. So hört man: »Er hatte schließlich ein langes und gutes Leben.« Oder auch: »Kein Wunder bei dem Lebenswandel.« Umso stärker stößt uns dann die Banalität des Sterbens vor den Kopf, wo sie sich nicht kaschieren lässt. So auch in diesem Fall. Hier fuhr der Kerl am Tage die Straße entlang, nüchtern, ohne sonstige Themen oder Probleme. Er hatte einfach nur einen nachlässigen Moment und landete so am Baum. Da habe ich zum ersten Mal nah erlebt, wie zufällig der Tod und wie schnell es vorbei sein kann. Daran habe ich seitdem oft denken müssen und gerade die Auseinandersetzung mit der Trivialität des Todes führte bei mir dazu, dass ich die Selbstverständlichkeit des Lebens noch mehr zu schätzen gelernt habe. Der Wegfall auch anderer Arten von Illusionen und Überhöhungen kann heilsam sein. Das erlebte ich ebenfalls während meiner Bund-Zeit. Ich arbeitete dort nach der Grundausbildung als so genannter Redaktionssoldat im PR-Bereich der Luftwaffe in Köln. Dort kamen zu der Zeit die ersten Toten aus dem deutschen Afghanistan-Einsatz an und wir berichteten darüber. Hinter den Kulissen sahen wir, wie einzelne Särge derer, die sich für ein politisch so hoch gehängtes Ziel mit ihrem Leben eingesetzt hatten, derart würdelos herumgeräumt wurden, dass sie teilweise um- und zu Boden fielen. In dem Moment wurde mir klar, dass Dank für die Unterstützung von wie auch immer gearteten Ideologien und Überzeugungen nicht erwartet werden darf und dass die Folgen, welche der Einzelne tragen muss, dem Weltenlauf ebenso gleichgültig sind wie der Pechvogel, der zufällig gegen einen Baum fährt. Ein banaler Tod bleibt ein banaler Tod. Die meisten Menschen dieser Erde lernen all das früher und auf härterem Wege, aber das waren halt meine Wohlstandskind-Erfahrungen. Sie haben mir gezeigt, dass eine bewusste Konfrontation mit dem Tod – so sie nicht traumatisiert – zum Leben hinführen kann.

Leander Wattig

 

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon, das ePub u. a. bei bol.de/.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.ch/.de, weltbild.at/.ch/.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr*e Buchhändler*in kann Frohmann-E-Books ganz einfach über Libri bestellen. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.