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Der Tod
– eine heimliche Sache.
Zumindest als ich Kind war.
Als könne man jemanden mit der Nachricht vom Ableben wiederum zu Tode erschrecken.
Als sei der Tod ansteckend.
Als käme er zurück, sobald man seinen Namen ausspricht.

»Das versteht er noch nicht.«
Was sollte ich nicht verstehen?
Den Tod?
Ich verbrachte in meiner Kindheit viel Zeit auf Bauernhöfen, sah zerteilte Rinder an Ketten von den Zinken des Frontladers baumeln, war beim Brühen der toten Schweine dabei, half beim Umrühren der Suppe im Wurstkessel, legte die Fleischstücke in die Salzbottiche, und die Katzen fraßen vor meinen Augen unzählige Mäuse.
Viele Tage im Jahr war ich umringt von Tod.

»Das versteht er noch nicht.«
Ich verstand es sehr wohl, als meine Oma starb.
Aber ich verstand nicht, warum alle so taten, als dürfte es niemand erfahren.
Als dürfte ich es nicht erfahren.
Stattdessen schickte man mich zum Spielen hinaus, während meine Oma im Haus »entschlief«. Ich fuhr mit dem Kettcar auf der Straße, ein grüner Kettcar, mit seitlicher Bremse, dessen rechtes Vorderrad leicht klapperte, wenn man über den Gullydeckel fuhr.
Dann kam der Wagen.
Ein schwarzer Kombi.
Und gleich danach trugen sie den Sarg raus.
Den Sarg.
Schlicht.
Heller als erwartet.
Die Männer hatten keine Mühe, meine Oma war gegen Ende sehr dünn geworden.

»Das versteht er noch nicht.«
Doch. Ich verstand.
Oma.
Sarg.
Wagen.
Tot.
Ich saß auf dem Kettcar, am Straßenrand, und ich fühlte mich verpflichtet, so zu tun, als würde ich es nicht verstehen, weil es von mir erwartet wurde.
Gleichzeitig wusste ich, dass es vorbei war.
Vorbei mit den Geschichten, die sie mir vorgelesen hatte, während meine Eltern arbeiteten; vorbei mit den Abenden in der Küchenecke, in der ich auf einem Kissen saß und die Teigschüssel leer kratzen durfte.
Vorbei mit Nächten neben ihr, im zweiten Bett, ihrem Zimmer, in dem es nach Salbe und Parfüm roch und in dem mir nichts, gar nichts Schlimmes passieren konnte, ganz gleich, was in der Nachbarschaft und der Welt vorging.
Vorbei mit den Liedern, die sie gesungen hatte.

»Das versteht er noch nicht.«
Als Kind realisierte ich. Eine blitzartige Bestandsaufnahme, während die Männer den Sarg in den Wagen schoben. Wie ein Flussdiagramm, das ausradiert wird: sämtliche if/then-Optionen erloschen.
Ich war nicht am Boden zerstört, ich war nicht traurig, ich war in dem Moment auf dem Kettcar am Straßenrand: nichts.
Gar nichts.
Nur voller Wissen, dass etwas unwiederbringlich zu Ende gegangen war. Tränen, Trauer, Wut – sie kamen später.

»Das versteht er noch nicht.«
Seitdem besuchte mich der Tod mehrmals in meinem Leben.
Hat sich genommen, was er wollte.
Verwandte, Eltern, einen sehr guten Freund.
Das Sterben kommt, wie es will.
Wann es will.
Wo es will. Gelegentlich stellt sich bei mir der Eindruck ein,
dass es nicht die Richtigen erwischt.
Dass es nicht die Schlechten zuerst erwischt,
nicht die Mörder und Verbrecher, nicht die Rücksichts- und Gnadenlosen, sondern oft die Guten.
Naiv. Nicht einmal kindisch.
Aber das ist der einzige Punkt, an dem ich unumwunden zugebe:

»Das versteht er noch nicht.«

 

Markus Heitz (Mahet)

 

 

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