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Als Achtjährige versuchte ich manchmal, mir das Nichts vorzustellen. Mein Schulweg führte am alten Münchner Südfriedhof vorbei und im Sommer spazierte ich gerne die schmalen Wege zwischen den hohen Bäumen entlang, vorbei an verwitterten Grabsteinen und geheimnisvollen Statuen. Das Nichts konnte ich mir trotz aller Mühen nicht vorstellen und irgendwann gab ich den Versuch auf.

Mit 28 lebte ich in Berlin Mitte, studierte an der FU und jobbte im Café F., einem typischen Kiez-Café in Kreuzberg. An diesem Winterabend will ich vor meiner Schicht unbedingt noch etwas Warmes essen, also bestelle ich mir Käsespätzle beim Koch und setze mich an den kleinen Katzentisch direkt neben der Bar. Regine, die hinter dem Tresen steht, schiebt ein paar Flaschen hin und her, und der Geschäftsführer Piet sitzt an der Bar vor seinem Tagesgericht, umrahmt von den 21-Uhr-Stammkunden, die nachdenklich in ihr Bier oder auf Piets Teller starren. Alles wie immer.

Ein paar Minuten, nachdem ich mich mit knurrendem Magen über meinen Teller mit Käsespätzle hermache, betreten zwei junge Typen das Café. Ich schaue kurz auf und registriere, dass beide ihre Gesichter mit einem Schal umwickelt haben. Muss kalt sein draußen, denke ich noch und als ich wieder hochblicke, kommt einer der beiden auf mich zu. Hä? Es dauert einen Moment, bis ich erkenne, was er da in der Hand hält. Ich betrachte erstaunt dieses Ding, während er mir mit einer herrischen Geste bedeutet, aufzustehen. Aber meine … aber meine Käsespätzle! denkt es in meinem Kopf. Hat der wirklich eine Pistole in der Hand? Ich starre in den Lauf und stehe auf, ganz langsam. Ist die echt? Der andere Typ geht im gleichen Augenblick mit einem Messer auf Regine zu und deutet auf die Kasse. Aus den Augenwinkeln sehe ich Piet und die anderen am Tresen sitzen, in ihren Bewegungen erstarrt. Er zielt auf mein Herz und ich bewege mich nicht. Alle starren mich an. Warum habe ich keine Angst? Für einen winzigen Augenblick treffen sich unsere Blicke. Vielleicht schießt er gleich. Werde ich sterben? Plötzlich umgibt mich eine rauschende Stille. Die Gedanken lösen sich auf, bevor ich ihren Sinn erfassen kann. Der eine nimmt das Geld aus der Kasse und nickt dem anderen zu. Alles so still. Er sieht mich noch einmal kurz an, dann sind sie weg. Langsam dringen Geräusche und Stimmen zu mir durch, Hektik, Ungläubigkeit. Ist das eben wirklich passiert? »Willst du wirklich arbeiten heute?« – »Jaja, warum nicht.« Ich habe in den Lauf einer Pistole geblickt. Und lebe noch.

Das kleine Mädchen, das ich mal war, nickt wissend. Sie legt meinen letzten Rest Naivität in eine blaue Dose, die sie in die Kühlkammer meines Unterbewusstseins schiebt. Letztes Fach, ganz oben links.

 

Valeria Zichaeus

 

 

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