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Der Tag ist mild, wattige Wolken an einem Himmel wie von Plaka-Farbe, ich bin achtzehn und der Tod ist die winzige Frau Sievering in ihrem viel zu großen Bett. Sie muss noch geschrumpft sein, durch das Sterben, weiß und reglos, den Flaum von Haaren um das runzlige Gesicht, die Decke bis zum Kinn gezogen. Die gläserne Schiebetür ist geöffnet, helles Birkenlaub flirrt in der Sonne, es riecht nach gemähtem Gras und nach Flieder, ich bin achtzehn und Frau Sievering ist tot, der Himmel so blau, wie Kinder ihn malen, die Luft frisch und voller Versprechungen und Frau Sievering ebenso reglos wie der Sekretär mit ihren Papieren und der wuchtige Sessel mit der verstellbaren Lehne. Ich sehe mich um in diesem Zimmer, in dem niemand mehr wohnt, wenn man nicht Frau Sievering als jemanden betrachten will, mit den Möbeln aus den 60ern und dem Blick in lauter Gärten.

Nichts davon wird sie mehr mitbekommen. Nicht den Himmel oder die Birke oder den Flieder. Auch nicht, dass ich mir ein weiteres Ohrloch habe stechen lassen. Nie wird sie das erfahren. Nie mehr. Ich versuche, etwas zu fühlen. Das Nie Mehr zu fühlen. Soll ich Frau Sievering anfassen, soll ich jetzt traurig sein, aber ich habe ihr nur zweimal in der Woche das Abendbrot gebracht und sie hat gefragt, warum hat denn das Fräulein eine zerrissene Hose, hat es kein Geld für eine neue?

Frau Sievering ist verstorben, hat die Chefin gesagt, als ich mir morgens die Schürze umgebunden habe. Verstorben, um der Würde willen. Niemand würde das von seinem Hund sagen. Nur Menschen können das: versterben. Und immer in der Vergangenheit. Ich beuge mich zu ihr, halte den Finger unter ihre Nase. Tatsächlich atmet sie nicht. Ich denke mir: das ist meine erste Leiche. Der Tod ist viel kleiner, als ich ihn mir vorgestellt habe, mir wird er nichts anhaben können. Aber Frau Sievering schon. Da liegt sie, alt und unzufrieden, meine erste Leiche, ließ regelmäßig ihr Marmeladenbrot aufs Gesicht fallen, sagte zu meinem achtzehnten Geburtstag, nun kann die sogar einen Neger heiraten, wenn die will, Witwe eines Ministerialbeamten und Mutter eines nach Australien ausgewanderten Sohnes, wie auch meine Mutter vielleicht eines Tages Witwe eines Ministerialbeamten sein wird, aber nach Australien werde ich bestimmt nicht auswandern. Außerdem bin ich kein Sohn. Sie war zu alt, um zu verstehen, dass man weder Neger noch Fräulein sagt, die Frau Sievering, sie war zu alt, um zu verstehen, dass Risse in der Jeans Absicht sind und auch, um mit einem Flugzeug auf die andere Seite der Erde zu fliegen. Sie war für alles zu alt, und nun ist sie tot, aber ich, ich bin achtzehn, ich habe mir ein neues Ohrloch stechen lassen und von draußen duftet der Flieder.

Sibylle Luithlen

 

 

 

 

 

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