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Draußen: Frühsommer. Die täglichen Routinen gingen in der Vorfreude auf den Sommer, der vor der Tür stand, leicht von der Hand: Aufstehen, Kind wickeln, Zähneputzen, Kaffee kochen, Frühstück für zwei machen, das Kind in die Kita bringen, Büro, nach Hause kommen. Kurz vor Pfingsten war es tagsüber schon so heiß, dass sich in den Nachmittagsstunden die Hitze im Treppenhaus staute. Mit einem zweijährigen Kind an der Hand nach ganz oben zu steigen, nahm Zeit in Anspruch und in diesem Frühsommer – wie in allen anderen zuvor und wahrscheinlich vielen, die noch folgen würden, waren die Nachbarn, denen man beim Aufstieg im Treppenhaus begegnete, aufgekratzt.

Eines Tages fiel mir auf, dass er im Hausflur fehlte: der Nachbar aus dem zweiten Stock links. Jetzt, da ich diesen Text schreibe, fünf Jahre nach seiner Beerdigung, fällt mir auf, dass ich keine Erinnerung mehr an ihn habe. Ich stelle mir vor, dass sein Gesicht eingefallen war, denn er war Alkoholiker. Das Klappern der Bier- und Schnapsflaschen begleitete seinen Gang. Das letzte Mal war ich ihm vor dem Discounter mit zwei Plastiktüten, die mit Schnaps und Spaghetti Mirácoli gefüllt waren, begegnet. Wir begrüßten uns, fanden kein Gesprächsthema und verabschiedeten uns kurz darauf. Der Anrufbeantworter, um dessen Installation er mich gebeten und die ich nicht hinbekommen hatte, wäre Gesprächsstoff gewesen, fiel mir später ein.

Ich fragte die anderen Nachbarn. Nein, niemand hatte ihn gesehen – und niemand öffnete seine Tür, wenn man klingelte. Vielleicht war er im Urlaub? Bei Verwandten? Hatte er überhaupt Verwandte? Doch dann wurde seine vermeintliche Abwesenheit zur Anwesenheit, sie wurde ganz langsam Gewissheit. Nahm man die Treppen schnell, bemerkte man den Geruch gar nicht. Aber das Kind hatte noch kurze Beine und wir mussten auf jedem Treppenabsatz eine Pause einlegen. Zunächst hing der Geruch nur kurz süß und schwer in der Nase. Doch mit jedem heißen Nachmittag wurde er unausweichlicher.

Es war am Donnerstag vor den Pfingstfeiertagen als ich bei der Hausverwaltung darauf bestand, die Tür zu öffnen. Ich wusste nicht, ob sie meiner Bitte Folge leisten würden. Die Bestätigung erhielt ich am Abend vor dem Fernsehgerät, als eine neue Folge von Germany’s Next Topmodel begann. Die Menschen in Heidi Klums Modelvilla wachten gerade auf, als sich der Verwesungsgeruch durch die Türritzen drängte und sich in unserer Wohnung breitmachte. Ich saß wie versteinert mit einem Spucktuch des Kindes auf der Couch und presste es mir vor die Nase.

Zu seiner Beerdigung kam der Nachbar aus dem zweiten Stock rechts und sagte: „Mir wird es einmal genauso gehen.“ Der Nachbar aus dem vierten Stock rechts kam auch und sagte: „Er hatte eine Tochter, die wollte nicht kommen.“ Ich kam auch und ich weiß nicht mehr, was ich sagte. Und sonst sagte niemand etwas. Wir waren nur zu dritt.


Michaela Maria Müller

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