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Das Telefon klingelt, und Marie ist dran.

„Das Klavier ist runtergefallen“, sagt sie leise.

„Was sagst du da?“

„Das Klavier. Es ist runtergefallen.“

Meine Mutter macht eine Pause, bevor sie weiter spricht.

„Ich wollte es dir nur sagen, sagt sie, damit du Bescheid weißt. Dass es das Klavier nicht mehr gibt.“

„Es ist von der Galerie auf den Steinboden gefallen? Fünf Meter tief?“

„Vier“, sagt sie, „es sind nur vier Meter, aber nein. Es war nur ein Meter. Sie wollten es Stück für Stück machen. Mit Flaschenzug und versetzten Ebenen. Auf dem letzten Meter ist es dann passiert.“

„Und jetzt?“

„Zahlt natürlich keine Versicherung. Nachbarschaftshilfe, das ist mein eigenes Risiko. Aber ich bin nur froh, dass es niemandem auf den Fuß gefallen ist. Es ist, letzten Endes, nur ein Klavier. Es gibt Wichtigeres.“

„Und es ist – Schrott?“

„Davon gehe ich aus. Der Tischler hat gesagt, er macht mir das Holz neu an der Ecke, wo es abgesplittert ist. Er denkt, damit wäre es getan.“

„Es ist nicht in tausend Teile zerfallen?“

„Nein, nur an einer Ecke ist das Holz abgesplittert. Aber hör mal.“

Aus dem Telefon kommen ein paar schiefe Töne.

„So hören sich jetzt alle Tasten an. Die gesamte Mechanik ist verzogen. Weißt du, was Großmutter gesagt hat?“

„Was hat sie gesagt?“

„Gut, dass du nicht daran hängst.“

„Was meint sie damit?“

„Das weiß ich auch nicht. Von Paul dem Polen habe ich das damals gekauft. Er rief an und sagte, ich habe ein Klavier für dich. Es ist ein Broadwood. Eine alte englische Marke. Ich weiß noch, wie Silvesters Klavierlehrerin, wie hieß sie noch, die mit der Tochter Carla, also, wie die rumänische Klavierlehrerin sich damals ransetzte und spielte, und sie sagte, für einen Klavier ist er sehr gut, sie war ja Konzertpianistin, ist es immer noch, und spielt sonst immer auf einem Flügel, sie sagte jedenfalls, für einen Klavier ist er sehr gut.“

„Sascha“, sage ich.

„Stimmt“, sagt sie. „Sascha. Jedenfalls war er ein guter Klavier.“
Wir schweigen, und ich denke an das Wohnzimmer im alten Haus. Ein Nachmittag im Sommer, die Tür zum Garten steht offen, die Luft ist warm, und sie sind da. Carla, die Tochter, Sascha, die rumänische Klavierlehrerin, und, am Klavier, von hinten, Silvester.

„Und du kannst das so locker sehen“, sage ich. „Du bereust nichts? Dass du keine Profifirma beauftragt hast, die versichert gewesen wäre? Bist du nicht wütend?“

„Nein“, sagt sie. „Mich nervt, was da jetzt auf mich zukommt. Versicherungen recherchieren, Klavierbauer ausfindig machen, Transport organisieren, Reparatur veranlassen, Rechnungen bezahlen. Mich nervt der Rattenschwanz an Organisation, der damit verbunden ist, aber sonst, nein.“

„Und der Tischler?“

„Dem geht es wahrscheinlich schlechter damit als mir. Ich möchte auch nicht mit ihm tauschen. Ich hatte ihm ja angeboten, eine professionelle Firma zu beauftragen, und er sagte, nein, nein, das machen wir schon.“

„Und was hat er dann gesagt?“

„Nicht viel. Die haben alle nicht viel gesagt. Vier große Männer standen um das Klavier und es war sehr, sehr still, nachdem das Geräusch abgeklungen war.“

„Es muss ein wahnsinniges Geräusch gewesen sein.“

„Zuerst war es schon hässlich, es krachte und das Holz splitterte, aber als der Knall vorbei war, tönte durch das ganze Haus ein wirklich wunderschönes Geräusch.“


Johanna Straub

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