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Mein Lifestyle-Geheimtipp: Als toter Astronaut durchs Weltall treiben (wenn nichts dazwischenkommt). Das ist grenzenlose Freiheit, wie man sie sich landläufig vorstellt: Endlich mal richtig abschalten, raus aus allem, keine Zukunftsängste, keine Kompromisse, keine Konflikte, kein Ärger über Mitmenschen, keine Gedanken um Äußerlichkeiten, kein einsturzgefährdetes Denken, keine Probleme mit übermäßigem Alkoholkonsum, kein Interesse an Kunst, kein Streit darüber, ob ein Film sieben oder acht Punkte auf der Zehn-Punkte-Skala verdient hat, keine Beziehungskonflikte. Mit Geld hat man nichts mehr am Hut, da die Bedürfnisse äußerst gering werden, kein innerer Krieg, von dem man später den Enkeln erzählen könnte, keine Enkel, oder zumindest weiß man nichts über sie, kein Wissen überhaupt und die Sonne geht niemals unter, sie wird nur langsam immer kleiner, aber dafür werden im Gegenzug andere Sonnen größer. Wer endlich radikal sein Leben ändern möchte, wer müde von dem ganzen Tohuwabohu ist, für den ist das genau die richtige Option, das einzige Wellness-Versprechen, das hält, was es verspricht.

Ich mach das schon seit drei-, vier-, fünfhundert Jahren, irgendwas um den Dreh. Genau so habe ich mir den Tod immer vorgestellt: Ganz ruhig, entspannt, gefroren. In meinem früheren Leben habe ich viele Dinge ausprobiert, aber nichts hat wirklich geholfen: Bandproben im Aquarium (der Sound des Basses unter Wasser ist allerdings famos), das Wohnen in einer riesigen Paprikaschote, stundenlange Schulungsvorträge, in denen Hitler mit Bananen verglichen wurde, Tannenzapfen inhalieren und hoffen, dass mir im Schlaf ein Baum aus dem Brustkorb wächst, Berufe mit Hühnerblut und Augen nach innen rollen, das Drehen von revolutionären Post-Western, die in einer Geisterstadt ohne Schauspieler auskamen, Medienkritik an mir selbst, mich im Wald neben tote Rehe legen und ihnen stundenlang tief in die Augen gucken (bringt Glück, aber nur kurz).

Immer, wenn ich glaubte, endlich den roten Faden im Leben gefunden zu haben und diesem folgte, führte er mich direkt zu einem Wollknäuel, das anklagend irgendwo herumlag und mir sonst keinerlei Ratschläge über den Umgang mit der unerhörten Tatsache des Daseins zu vermitteln vermochte.

Das Driften durchs All hingegen fragt nicht danach, wer man ist. Es hat eine ganz einfache Semiotik, die im Wesentlichen nur aus dem eigenen Körper, Konstellationen von hellen Punkten und schwarzem Raum besteht. Bisher ist mir sonst nichts von Belang begegnet, aber das wird sich vielleicht noch ändern. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.


Sebastian Baumer

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