31

Ihr Ex hatte Magenkrebs, wohl schon eine Weile, sie hörte es von Bekannten. Problem war, dass sie mit ihm schon lange hatte reden wollen, und jetzt kam der Tod und sie musste sich beeilen. Die Unendlichkeit überholen. Sie hatte ihn 20 Jahre nicht gesehen.

Aber sie dachte, dass es trotz allem ganz o. k. laufen würde. Sie hatten sich ja immer gut verstanden. Dass er ein feiger Arsch gewesen war, na ja, es würde eben gesagt werden müssen, aber angesichts seines jetzt eklatanten Lebensnachteils ihr gegenüber würden sie sich damit bestimmt nicht lange aufhalten. Da konnte sie jetzt großzügig sein.

Nur hatte der Ex null Interesse daran, sie zu sehen. Was natürlich nur ein Symptom dessen war, was sie ihm hatte an den Kopf werfen wollen, dass er eben, sie wiederholte sich ungern, ein feiger Arsch gewesen war und damit ihr Leben für ziemlich lange Zeit verkorkst hatte. Ja klar, inzwischen war sie ja darüber hinweg, aber. Und bevor sie ausfantasiert hatte, wie sie mit den Pflegern rangelte, um den Kranken aus dem Dämmerschlaf zu rütteln, kam der Anruf, es sei zu spät jetzt für irgendwas. Er hatte die Frechheit besessen, rasend schnell zu sterben. Was hatte sie sich eigentlich vorgestellt? Ein Arsch mit Magenkrebs war halt immer noch ein Arsch.

O. k., ginge sie eben zur Beerdigung und würde ihre Vorwürfe mit einer Schaufel Erde auf den Sargdeckel fallen lassen, zweitbeste Lösung. Aber es gab nur eine Trauerfeier. Also ohne Erde. Die Sache fing langsam an, sie zu nerven.

Aber in der Kapelle stand ein sehr großes Porträt von ihm, und auf dem Foto sah er aus wie damals, kaum ein Unterschied zwischen 20 und 39, das kam ihr vor wie ein Affront. Jemand hielt eine Rede und erzählte, wie der Ex immer unbedingt Hollywood-Filme habe sehen wollen, um sich dann ausdauernd über sie zu echauffieren, bis keiner mehr was vom Film mitbekam, und sie erinnerte sich auch daran. Da fand sie plötzlich, dass er immerhin den Anstand besessen hatte, ein schöner und sehr lustiger Arsch gewesen zu sein. Am Sarg sagte sie dann gar nichts, außer „Mach’s gut“, wie nach einem Streit, bei dem sowieso keiner Recht behalten kann. Dann wurde der Sarg hinausgetragen und in ein Auto geschoben. Die Heckklappe ging zu und das Auto fuhr vom Hof runter um die Ecke und war weg.

Am nächsten Tag sah sie eine anonyme Todesanzeige in der Zeitung, die den Verdacht zuließ, dass er neben seinem offiziellen Leben noch ein anderes geführt hatte. Sie war fast erleichtert zu denken, dass nicht nur sie ihn verloren hatte, ohne richtig zu wissen, was für eine Sorte Arsch er gewesen war. Dann dachte sie immer wieder an dieses Auto, wie es einfach vom Hof runter um die Ecke fuhr. Wie blöd das war, einfach um die Ecke ins Endgültige zu fahren.

@Menschette

*

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.