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Nichts rechtfertigt den Gedanken an den Tod, weder mein Alter noch meine Gesundheit noch meine Eindrücke von den anderen Kurgästen in Marienbad: sächsische Rentner. Höchstens geben sie Anlass zu der Behauptung, der Tod sei wie eine lange Ehe. Doch Behauptungen zur Ehe stehen mir genauso wenig zu. Ich bin hier suspekt, werde aber wie die anderen behandelt, mein Körper wird gewaschen und geölt und zurechtgelegt.

Man schickt mich zur Paraffinbehandlung. In der Wintersonne sitzen vier ältere Frauen um den Tisch: sie haben die Ellenbogen aufgestützt und halten die seltsam behandschuhte Hände starr vor sich. Ich frage, wozu das gut sein soll. Es hilft gegen Arthritis. Dann weiß ich nicht, warum es mir verordnet wurde, aber schaden wird es wohl nicht. Ja, es macht die Haut auch schön weich.

Ich tauche die Hände wie verordnet dreimal ins Paraffinbad und erschrecke über sie: dick und bleich, blau angelaufen. Die Frauen, die auch nicht wissen, wohin mit diesen Leichenteilen, unterhalten sich über damals, als ob nichts wäre. Ich kann mich am Gespräch nicht beteiligen und schaue aus dem Fenster auf gelb-weiß gegliederte Fassaden. Tiefer Schnee, gekappte Bäume säumen die Straße. So viel weiß ich: in Kurorten wachsen Kopfbäume. Vor den schönen großen Villen sticht die Verkrüppelung der Bäume erst recht ins Auge. Die Bäume sind arthritischer noch als die Kurgäste, als würden sie Saison für Saison den Menschen das Gebrechen nehmen: die Menschen gehen wieder aufrecht und ohne Schmerzen, die Bäume bleiben verkümmert zurück.

Die fünfzehn Minuten sind um, ich streife die Wachsfinger ab und werfe sie in den roten Eimer auf den Haufen zerknüllter weißer Hände. Auf ihnen heben sich die Linien ab wie Adergeflecht auf Laub.
Kurorte gleichen Nekropolen. Sie sind keine Städte, sondern kunst- und absichtsvolle Anlagen. Das Wetteifern der Prachtbauten täuscht darüber hinweg, dass alle ein und demselben Zweck dienen. Man liest im Vorbeigehen die Namen der Villen – weit oben auf den Giebeln, vergessen – wie Inschriften auf Familiengrüften. Einer solchen Stadt entschläft man, um in einer jenseitigen aufzuwachen. Eine Grenzstadt, in der man verblüfft feststellt, dass die gleiche Sprache gesprochen wird wie zu Hause.

Im Kurpark steht das Bauwerk, das am meisten einem Mausoleum gleicht. Die Menschen versammeln sich unter der weißen Kuppel am kreisförmigen Geländer und schauen hinab. Dort steht kein Sarkophag: eine Quelle sprudelt. Es ist nicht kalt, sondern warm, und das eisenhaltige Wasser riecht nach Blut. Der Grenzfluss fließt in der Mitte, auf der Stelle.

Früher kam man, um von der Quelle zu trinken, bis man starb. Diese Zeiten sind vorbei. Es ist vorbei mit der Schwindsucht. Ein junger Mensch hat hier heutzutage nichts zu suchen. Will ich hier sein, will ich mir Gedanken über den Tod machen, muss ich mir eine gute Geschichte einfallen lassen. So entsteht jede Geschichte: als Vorwand, sich Tatsachen zu stellen.

Isabel Fargo Cole

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