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Du seist jetzt erlöst, sagen sie. Frei von Schmerzen. Erlöst nach kurzer, schwerer Krankheit, steht später in der Zeitung. Das graue Zimmer, hoch und leer, PVC-Boden, leicht sauber zu halten, und das Quietschen der Gummischuhe auf dem Gang – davon bist du auch erlöst. Erlöst von Schläuchen und Formalingeruch, von Kathetern und Nierenschalen. Zähneputzen im Plastikbecher, das langsame, stetige Verschwinden, Wenigerwerden. Die Kriegerin streckt ihre Waffen.
Woran wir uns erinnern, wollen sie wissen. Es werden Dinge gesagt, die hohl nachhallen in meinem Kopf, dein Lebensweg wird nacherzählt, berichtet wird von harter Jugend und ausgefülltem Alter. Von Liebe und von Schmerzen spricht niemand. Worte reichen nicht so weit, bei all den anderen. Warum mir meine Worte fehlen, klein erscheinen, ich weine Tränen in Buchstabenform und denke, du bist jetzt frei, weil die fehlenden Worte der anderen dir nichts mehr anhaben können. Und mich lässt du zurück, ausgestattet mit deinen Waffen, vererbt vielleicht, weiter gegeben, an mich, über all die Jahre. Deine Worte, die du mir in den Mund und in den Verstand gepflanzt hast, mit deinen Händen, mit deiner Stimme. Mich gefasst und gehalten.

Die Bilder, die lassen mich nicht mehr, das graue Zimmer, wie ein Verließ, Fenster ganz weit oben, wie bei Dostojewskis Kellerloch, so kommt es mir vor, und du, du Kriegerin, du Große, du Starke – du hast zur Schlacht geblasen, immer und immer wieder, ich als Adjutant an deiner Seite. Jahr um Jahr. Ich der kleine Trommler, du der General.

Ich hatte es geahnt, vielleicht. Es ging zu schnell, zu schnell für mich, meine Trommel zu tauschen gegen deinen Degen, die Übergabe war nicht sauber, nicht korrekt. Aber ich sehe es, sehe den Behälter mit dem Schlauch, der in deine Lunge führt. Der literweise Eiter pumpt, flüssiges Gift, das deinen Atem schwerer macht, die Luft gefangen hält in dir. Dein starkes, treues Herz verlangsamt sich. Die weiße Haut, ganz klar, schon müde wirft sie Falten und ein paar Risse, um die Kanülen am Unterarm, da wo sie sich verfärbt in Farben von Sand und Wasser. Das Bett ist nicht für Krieger gemacht. Wir Krieger stehen auf, will ich dir zurufen, wir stehen und trommeln an gegen die Wortlosigkeit der anderen. Wir sind es doch, die stärker sind.

Was ich erinnere, welche Bilder ich habe, wollen sie wissen und ich fange an, aufzuzählen – deine bunten Kittelschürzen und deine Stimme am Telefon: „Mein Mädchen, alle guten Wünsche begleiten dich“, die bestickten Taschentücher und das 4711, der schwarze Lederstuhl und deine weichen Hände, Kreuzworträtsel und der Geruch von Erfrischungstüchern. Fotoalben und hölzerne Schälchen mit Karamellbonbons. Stunden um Stunden, die du mir vorgelesen hast, Buch um Bücher, ohne dich hätte ich meine Sprache, hätte meine Worte nicht.

Und jetzt, da fällt dir Sprache schwer. Der Atem ist nicht frei, der Geist benebelt. Auf den Monitoren leuchten Zahlen, kleine Lämpchen flackern, zeigen an, dass Morphium und Aspirin, dass Tebonin und Antibiotika in dich fließen. Kriegerin verliert die letzte Schlacht, tapfer bleibt dein Adjutant und trommelt nach, in deinem Namen.

Rasha Khayat

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