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Ich gehe den Höhenweg über dem Meer, lockeres Gestein,
Lavabrocken, weiter oben ein paar Ziegen.
Ich gehe dem Tod entgegen.
Ich suche ihn mit benebeltem Hirn. Aus Enttäuschung.
Ich bin enttäuscht worden. Ich bin verlassen worden.
Ich gehe über den Höhenweg und halte Ausschau nach
einer Abkürzung. Einfach den Hang hinunter. Das scheint
mühelos zu sein. Ich rutsche aus, ich rutsche weg, kann
mich nicht mehr halten. Ich stürze, falle, hänge fest in einer
Felsspalte. Unter mir Klippen und Brandung. Das tosende
Meer. Der sichere Tod. Über mir lockeres Gestein.
Kein fester Halt.
Habe ich das nicht genau so gewollt?
Es herbei geführt? Um mich entscheiden zu müssen?
Verrecken oder kämpfen. Allein mir vertrauen.
Es dauert, bis ich zu einem Entschluss komme.
Mich ausziehe und mich nackt und ungeschützt und
verletzbar Zentimeter um Zentimeter nach oben
arbeite. Der Schweiß rinnt in Strömen. Ich blute.
Eine Ewigkeit vergeht. Der Schritt zurück ins
Leben braucht Zeit, viel Zeit. Ich weiß nicht,
wie lange. Oben auf dem Weg breche ich zusammen,
Habe es überlebt, lebe, und kann es noch nicht
fassen.

Frank Göhre

*

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