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Wir haben gegen das Gesetz verstoßen, ohne es zu wissen. Nachdem du deinen letzten Atemzug getan hast, haben wir nicht sofort den Bereitschaftsarzt gerufen. Stattdessen haben wir dir die Augen geschlossen und für dich gesungen, mit gebrochenen Stimmen. Das Weinen kam stoßweise, versetzt, wir haben einander gewiegt, wenn es uns zu sehr geschüttelt hat. Weil die Totenstarre bald kommt, haben wir dich gleich gewaschen und dich bunt und elegant angezogen, so, wie du es dein Leben lang geliebt hast. Wir haben Blütenblätter auf dir verteilt und deine rot lackierten Hände gefaltet, du hast sie die letzten Tage in deinem Sterben selbst immer wieder zum Gebet erhoben.

Deine Töchter schaffen es nicht, deinen Mund geschlossen zu halten, es ist an mir, dir das zu schenken. Wir staunen, wie schnell dein Leib kalt wird, und noch mehr, wie sich der Ausdruck in deinem Gesicht verändert. Die Anstrengung von fast 92 Jahren Leben, deine Verunsicherung, ob Gott dich liebt, wenn du bist, wie du bist, deine Hartnäckigkeit, mit der du dir manche Abgründe in dir nicht ansehen mochtest, all das ist gewichen. Deine Gesichtszüge sind glatt und weich, wir wissen jetzt, wie er aussieht, der Friede, wenn er in einem Menschen wohnt.

 

Wir haben gegen das Gesetz verstoßen, ohne es zu wissen, das sagt uns der Arzt, als er mit dem Rettungssanitäter an deinem Tisch sitzt. Er hat dich untersucht, das muss er tun, du hast alle Anzeichen, die es braucht, auch das letzte, über Atem- und Herzstillstand, über die Leichenflecken an Armen, Beinen und Rücken hinaus. Der Arzt hat dich untersucht, angezogen, wie du warst. Er hat auch gegen das Gesetz verstoßen, wissentlich, und entschieden, seiner Menschenkenntnis, Lebenserfahrung und uns zu vertrauen.

Hier in diesem Land hätten wir direkt den Arzt rufen müssen. Behandelte dieser Arzt gerade, weil der Zufall es will, einen Patienten mit Herzinfarkt, dürfte er ihn nur notfallversorgen, er müsste gleich zu uns kommen, weil die Toten vorgehen vor den Lebenden, wir hätten dich ja auch umbringen können, das muss sorgfältig erforscht werden. In diesem Land muss jemand, der gestorben ist, nackt daliegen zur Untersuchung und wenn der Arzt findet, du seist tot, genügt das nicht. Dann muss der Arzt in zwei Stunden wiederkommen und dich noch mal untersuchen und du darfst noch immer nicht bekleidet sein und gewaschen auch nicht und dann, ja dann bist du erst wirklich tot für die Papiere.

 

Unser Arzt ist selbst ein alter Mann, er sitzt da mit seinen Händen wie Schaufeln, mit Händen, die Werkzeug sind am Menschen, nicht für Papier. Er sagt, wir haben in seinen Augen alles richtig gemacht und dass wir noch zwei Stunden warten sollen, bevor wir das Bestattungsinstitut anrufen und wir nicken stumm und dankbar. Der Rettungssanitäter hat Tränen in den Augen, als er sagt, er hätte es auch so gemacht. Wir haben gegen das Gesetz verstoßen, ohne es zu wissen, und wir werden es wieder tun, wenn einer stirbt, den wir lieben.

 

Lilith Adami

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