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Das Leben mit Kindern, es trainiert einen auch für die härtesten Herausforderungen, denen man begegnen kann. Und wohnen im Haus tatsächlich mehrere Vertreter des Nachwuchses und nicht nur ein Einzelexemplar, so bringt das den glasklaren Vorteil mit sich, dass sie sich damit abwechseln können, einem Lektionen zu erteilen.

Wenn also beispielsweise ein frisch eingeschulter Sohn mit ausgeprägtem Entspannungspegel sich am Morgen heimlich in seinem Zimmer verbarrikadiert, um dort in Ruhe Bücher zu lesen oder phänomenale Legogebilde zu schaffen, dann ist wenigstens die etwas jüngere Tochter so gnädig, einen aus dem Bett zu holen, um in trauter Zweisamkeit das alltägliche Badritual abzuspulen.

Das ist sehr schön. Als übernächtigter Familienvater weiß man das zu schätzen. Endlich kann man sich auf diese Weise mal in Ruhe zu zweit unterhalten. Ganz ohne, dass sich jemand einmischt, laufend ablenkt oder fragt, was dieses Herumtrödeln eigentlich soll. Hier und jetzt gibt es nur die Tochter und ihren Vater. Beide haben alle Zeit der Welt. Lasst die anderen doch schlafen, Bücher lesen oder Gebilde erschaffen. Diese beiden tangiert das nicht. Sie putzen hier schließlich Zähne. Sie planen den Tag. Sie werten den letzten Klatsch und Tratsch aus der Kita aus. Sie sind quasi Yin und Yang. Sie sind so dermaßen tiefenentspannt, dass die Tochter ihren Vater sogar darum bittet, ihr die Haare zu bürsten und einen Zopf zu schnüren. Das gibt’s womöglich nicht oft. Bei einer willensstarken jungen Dame ist so ein Zopf gemeinhin nicht ihr Ding. Sie mag es nicht gern eingeschränkt. Auch ihre Haare sollen sich entfalten dürfen. Das ist wahrscheinlich der neue Liberalismus, von dem man gelegentlich hört. Dieses Mädchen hat ihn schon voll drauf.

Wenn aber die kleine Dame spontan von ihrer Routine abweichen möchte, unterstützen Eltern das natürlich gern. Auch am frühen Morgen. Auch in vollkommen unausgeschlafenem Zustand. Beschwingt nimmt er also die Bürste und lässt sie sanft durch ihre Haare gleiten. Sie lässt es sich nicht nur gefallen, sie hält sogar vollkommen still. Es scheint fast, als genieße das Kind diese Zweisamkeit. Es fehlt nicht viel und sie fängt an zu schnurren. Wer könnte das nicht verstehen? Der moderne Mann von heute ist schließlich auch zu sanften Tätigkeiten berufen. Das Kämmen von Haaren wird dabei zum Ausdruck der vollkommenen Eleganz. Natürlicher wird’s nicht. Das ist Zen.

Bis sich ein kleiner Knoten in den Haaren des Kindes in den Weg stellt. Zwei kleine Strähnen haben sich über Nacht wohl verheddert. Das kann ja mal passieren. Das kommt auf den besten Köpfen vor.

Entsetzt reißt die Tochter ihre Augen auf. Mit purem Horror im Blick guckt sie ihn an. Damit hat sie offenbar nicht gerechnet. Fast schon schmerzverzerrt presst sie hervor: „Papa, müssen wir alle sterben?“
Er hat den Zopf dann doch noch fertig bekommen. Aber es war wohl knapp. Wieder eine Lektion gelernt.

 

Señor Rolando

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