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Der Mann auf dem Foto stand im Gras vor einem Schuppen und sah aus wie mein Onkel Hans.

Ich arbeitete zwei Tage die Woche im Büro einer Nachlasspflegerin und die Toten liefen als Akten durch unsere Hände. Gab es keine auffindbaren Erben für einen Verstorbenen, wurde Frau Haase als Nachlassverwalterin bestellt. Sie betrat die stummen Wohnungen der Toten und suchte nach Unterlagen, die sie den Erben näherbringen sollten. Was sie fand, war Staub. Viel Staub. Schwere Vorhänge und Staub, der aufgeschreckt durch Sonnenflecken schwamm.

Frau Haase öffnete Schränke und Kommoden und ich stand dabei. Ich war nur aus Interesse mitgekommen, eigentlich beschränkte sich meine Arbeit auf Tätigkeiten, für die ich das Büro nicht verlassen musste. Vor dem Fenster rauschte eine von Miniermotten zerfressene Kastanie regelmäßig auf. Es wird Herbst, sagte ich. Nichts, sagte Frau Haase, nichts. Wir müssen auf den Dachboden.

Wir trugen ein Fotoalbum voller Stockflecken und vergilbter Bilder mit Zackenrand zurück ins Büro, in spitzer Hand geschriebene Aufzeichnungen über Mietzahlungen, Postkarten von Freunden, datiert auf die siebziger Jahre. Liebe Irma, stand dort, liebe Irma, wir haben schönes Wetter. Ich hoffe, Willy und Dir geht es gut.

Wir suchten über Einwohnermeldeämter, Stadtarchive und manchmal auch Detekteien nach den Nachkommen. Fanden wir jemanden, schlug er das Erbe oft aus. In den Akten lagen alte Telefonverzeichnisse, Urkunden, Mitgliedsausweise, silberne Ehrennadeln, Notizen, Fotografien, Reisepässe. Ich fasste sie vorsichtig an.

Was passiert mit all den Sachen?, fragte ich Frau Haase. Ich hatte die vage Hoffnung, sie würde etwas sagen wie: „Wenn sich nach drei Jahren niemand findet, gibt es eine Zeremonie, in der sich der zuständige Gerichtsbeamte und ich vor die hinterlassenen Unterlagen stellen, feierlich einige der Briefe verlesen, Fotos ansehen und uns von den Akten, nein, den Toten, verabschieden.“ Natürlich sagte sie nichts dergleichen. Sie sagte: Wird weggeschmissen.

Wird weggeschmissen, sagte ich. Verstehe. Ich fing an, mir alles anzusehen. Es wurde immer dringender, die Toten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Jedenfalls nicht in meine. Ich bekam Niesanfälle über verstaubten Ordnern, ich nickte alten Passbildern zu, ich fotokopierte in Sütterlin geschriebene Auszüge aus Familienbüchern und verlangsamte meine Aktenablegegeschwindigkeit dadurch um mindestens 100 %. Frau Haase betrat das Büro, als ich gerade einen uralten Mietvertrag anseufzte. Was machen Sie da?, fragte sie. Nichts, sagte ich. Nichts. Ich lege ab.

Judith Sombray

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