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Ich erzähle der Tierärztin, dass T ihr Essen immer erbricht und ansonsten nur noch die Wand anguckt. Die Tierärztin untersucht T und einige Zeit später ist entschieden, dass wir sie einschläfern lassen. Sie ist alt und das Herz kann nicht mehr. Ich bin zu klein, um ihr jeden Tag Medikamente zu geben und von den anderen lässt sie sich nicht anfassen. Sie bekommt ein Narkosemittel gespritzt, dann müssen wir mit ihr zurück in ein kleines Nebenzimmer, in dem eine Frau mit einem großen Hund wartet. Der Hund sitzt in einem Zylinder, der an blinkende Geräte angeschlossen ist. Ich vermute, er wird gerade bestrahlt. Oder weggebeamt. Die Frau liest eine Zeitschrift. T hat Angst vor Hunden. Der Hund jammert leise. Die Frau fragt, was denn mit unserer Katze los sei. Meine Mutter sagt, dass sie gerade eingeschläfert werde. Sie klingt verzweifelt, sie mag auch keine Hunde. T sitzt in der Unterschale der Transportbox auf meinem Schoß, ihre Pupillen so groß wie Untertassen. Ich weine und versuche, sie nicht zu treffen, weil ich denke, dass der Hund schon schlimm genug ist. Dann legt sie sich hin, erbricht, verliert dabei das Bewusstsein, mit dem Gesicht in der Kotze, die Augen bleiben offen, offener als sonst, wie Tunnel, in denen langsam jemand verschwindet, unfreiwillig und irgendwie entsetzt. Dann glotzt sie nur noch – wieder gegen die Wand. Der Hund wedelt. T bekommt im Behandlungszimmer die zweite Spritze, dann sind die Tunnel leer, niemand mehr dahinter. Die Augen gehen nicht zu, nicht wie im Film. Ob wir sie mitnehmen wollen oder hierlassen? Zum Mitnehmen. Die Helferin will T in eine winzige Kiste quetschen – sie nennt es „einkuscheln“. Ich fauche, dass das nicht geht. Sie findet eine größere Kiste eines Hundefutterherstellers, legt sie mit Papierhandtüchern aus. T passt genau hinein. Sofort zahlen oder auf Rechnung? Sofort zahlen. Auf dem Heimweg im Auto habe ich die Kiste auf dem Schoß und überlege, wann der Körper anfängt auszulaufen. Das passiert aber nicht.
Der Boden im Garten ist steinhart gefroren, mitten im Sommer. Mein Vater gräbt mit der Spitzhacke und ich sitze mit T auf der Veranda und versuche immer wieder, ihre Augen zu schließen und mir all ihre Flecken zu merken. An den Pfoten und an der Wange. Kurz kommt der Gedanke, das Fell irgendwie behalten zu können. Dann ist das Loch fertig. Dann liegt T in ein Handtuch gewickelt im Loch. Sie soll keinen Dreck in die Augen bekommen. Erde rollt, erst ganz fein, dann gröber. Nicht andrücken. Kein Stein, der wäre zu schwer. Ein Hügel, der absackt. Dann eine Blume, die hässlich blüht. Einen Monat später kommt F, der mit seinem Leben alle Erinnerungen an T löscht, außer diese.

Birte Lanius

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