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Das erste Mal erschien der weiße Vogel gegen Ende Juni. Nie zuvor hatte ich ein ähnlich großes Tier in den Wipfeln des Mischwaldes gegenüber unseres Hauses gesehen. Was für ein Vogel es war, konnte ich nicht bestimmen. Er erschien ähnlich groß wie ein Storch, aber der Schnabel passte nicht. Ein weißer Reiher, ein Albino-Raubvogel? Ich wusste es nicht.

Auch das Fernglas, das ich mir auslieh, half mir nicht weiter, ich konnte keine spezifischen Einzelheiten erkennen. Immer waren Äste oder Laubwerk im Blickfeld. Es schien fast so, als wolle der Wald seinen Besucher vor allzu neugierigen Blicken verstecken.

Meine Mutter sah den Vogel auch, war aber an einer Identifizierung nicht interessiert. Sie sah ihn als willkommene Abwechslung, ein kleiner Zeitvertreib, eine Ablenkung von den Sorgen um meinen Vater, der zu der Zeit im Krankenhaus war; eine Routineangelegenheit, so schien es.

Gesundheitliche Probleme hatte er schon länger. Mit 17 1/2 Jahren wurde er, vom Gymnasium herunter, in die Wehrmacht eingezogen, mit 18 verlor er sein Bein durch eine Kriegsverletzung. Danach bekam er in einer Fabrik einen Schreibtischjob und blieb dort bis zu seiner Rente. Trotz aller widrigen Umstände war er ein lebensfreudiger Mensch, der sich aufopferungsvoll um seine fünf Kinder, seine Frau und die Enkel kümmerte. Er trank gerne mal Bier und rauchte seine Overstolz; später wechselte er zu Stuyvesant, bis er schließlich ganz mit dem Rauchen aufhörte und nur noch sehr selten Alkohol trank. Meist nur, wenn er seine Brüder in Prag besuchte, dann waren sie alle drei wieder jung und alberten herum, wie sich das für Wiedersehensfeiern gehört.

Kurz bevor er ohne Befund wieder nach Hause geschickt werden sollte, sprach meine Schwester die Ärztin auf die verwaschene Aussprache meines Vaters an. Die vermutete leichte Form der Altersdemenz wurde von uns heftig bestritten. Daraufhin wurden weitere Untersuchungen durchgeführt, auch in einer Spezialklinik, und dann stand fest, dass die Ärzte nichts mehr tun konnten.

Nach Wochen zuhause, in denen es ihm etwas besser zu gehen schien, verschlechterte sich sein Zustand so dramatisch, dass er wieder ins Krankenhaus musste. Vollgepumpt mit Opiaten gegen die Schmerzen starb er am vierten Tag.

Für sein Sterbebild wählten wir ein Eichendorff-Zitat:

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande
Als flöge sie nach Haus.

 

Einige Monate nach dem Begräbnis wurde meine Mutter schwer krank. Es war, als hätte sie ihrem Körper befohlen, seine Arbeit einzustellen. Ihre Körpertemperatur sank lebensgefährlich tief ab, obwohl sie in einem beheizten Haus wohnte. Die Ärzte waren ratlos, aber nach einiger Zeit auf der Intensivstation erholte sie sich wieder.

Manchmal stehen wir am Fenster und reden über den weißen Vogel und sie fragt: „Ob er wohl noch einmal wiederkommt?“ Und ich schaue über das Tal hinweg auf den Wald und denke: Wer wird ihn dann sehen?

 

Klaus Hulha

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