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Als ich vier war, starb Lauri. Lauri war zweimal die Woche mit ihrer Mama in die Mutter-Kind-Gruppe meiner Mama gekommen. Ich mochte Lauri. Wenn ich abwusch, trocknete sie ab. Laura und Lauri. Ich habe nur noch eine Erinnerung an sie. Wir beide, auf Hockern und mit Schürze am Spülbecken. Da hatte Lauri schon keine Haare mehr. Ansonsten habe ich keinerlei Erinnerung an ihr Gesicht. An sie, als Freundin. Es gibt ein Foto von uns beiden, während wir abwaschen. Vielleicht ist meine Erinnerung auch davon geborgt. Mit vier habe ich jedenfalls kaum verstanden, was passierte. Das Einzige, was mir nach Lauris Tod klar war: Niemand sollte mich jemals Lauri nennen. Ich kam in die Schule und wehrte mich vehement gegen diesen einzig erdenkbaren Spitznamen meines eh schon kurzen Vornamens. Lauri bin ich nicht. Ich heiße Laura. Bis heute nennt mich kaum ein Mensch Lauri, obwohl meine Gegenwehr mit den Jahren nachließ. Nach Lauris Beerdigung weinte meine Mutter zu Hause weiter. Sie erzählte von der Ecke des Friedhofs, auf dem nur Kinder lägen. Monate später nahm sie mich mit zu Lauris Grab. Mir war mulmig zumute. Auf Lauris Grabstein war ein kleiner Engel abgebildet. Jahre später habe ich zufällig Lauris Todesanzeige gefunden. In Mamas altem Bastelschrank, in dem immer noch viel Karton, Schablonen, Kleber und Scheren lagerten, obwohl sie die Mutter-Kind-Gruppe schon nicht mehr leitete. In einer der oberen Schubladen lag sie. Ausgeschnitten aus der Zevener Zeitung. Und ich hatte auf einmal Tränen in den Augen. Anfang der 90er, in einem kleinen Dorf in Niedersachsen starb ein 4-jähriges Mädchen an Leukämie. Ich kannte sie nur kurz. Meine Freundin Lauri.

Laura Sonnefeld

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