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Die Sache ist: Das passiert wirklich. An den öffentlichen Orten, an denen ich mich nie mit dem Rücken zu Tür setzen will, in den Flugzeugen, in denen mein Herz bis zur Landung viel zu schnell schlägt, und in denen ich die Nieten an den Flügeln niemals aus den Augen lasse. Sie passieren wirklich, diese Katastrophen, die ich sehe, bevor sie niemals statt finden.
Ich erinnere mich: Ich sitze auf dem Balkon und spüre den Sommer nicht, nicht so wie sonst. Es ist ein Sommertag, Hochsommer zwar, aber einer von den Tagen, die kühler sind, als sie sein sollten. Trotzdem sollte da Sonne auf meiner Haut zu spüren sein, gerade zu der Zeit, abends, da fällt das Licht immer in den Hinterhof, direkt auf unseren Balkon, auf die Sonnenblumen, die Tomaten, da spiegelt es sich in den hundert Fenstern und malt Lichtmuster überall hin.

Ich sehe dieses falsche Bremsmanöver, das das Auto in die Leitplanke schleudert, ich sehe jene Flugzeugklimaanlage, die in der Nähe des Kerosintanks heiß läuft, so dass ich kurz vor der Landung doch noch als Feuerball in einer dieser Flughafenvorstädte ende. Das fühlt sich an, wie diese Sätze, die ich manchmal träume, die es sich nachts mit Widerhaken dort bequem machen, wo auch die Ohrwürmer leben, und den ganzen Tag bleiben.

Ich betrachte die Tomaten, die in diesem Jahr nicht rot werden wollen, harte, grüne Dinger, die anders gedacht waren.

Der Satz, der kommt, plötzlich, dann feststeckt: Was, wenn sie nicht wiederkommt?

Eigentlich müsste Sommer sein, ist es aber irgendwie nicht, eigentlich müssten die Tomaten schon längst rot sein, sind sie aber nicht.
Sie müsste schon längst zu Hause sein, vor einer Stunde schon, vor zwei, vielleicht. Ist sie aber nicht.

Was, wenn sie nicht wiederkommt?

Ich kenne ihre Fahrradstrecke, da ist eine Kreuzung, groß, mit viel zu vielen Ampeln und Kunst im öffentlichen Raum, die im Weg steht.
So etwas passiert, oder? Blutige Schleifspuren auf großen Kreuzungen, wie Autos in Leitplanken, wie Feuerbälle in Flughafenvorstädten.

Was, wenn sie nicht wiederkommt?

Auf die Wand gegenüber im Hinterhof malt das Licht eine Form wie ein x an die Wand.

Ich sehe eine Fahrradfahrerin, auf einer Strecke von zehn Minuten vielleicht, ich sehe sie hundertmal verunglücken. Straßenbahnen, Autofahrer, Fußgänger, andere Fahrradfahrer: Auf der Strecke gibt es nichts, was nicht gefährlich wäre.

Ich sehe mich das Telefon hören, ich sehe mich das Telefon abnehmen, ich sehe mich den ersten sein, der die Nachricht hört. Ich sehe mich telefonieren, ich rufe ihre Eltern an, ihre Geschwister. Ich frage mich, wie sowas geht. Wie man sowas macht. Diese Telefonanrufe allein. Und dann: ihr Zimmer ausräumen, diese tausend kleinen Gegenstände, die ich alle kenne. Umziehen, wahrscheinlich, raus aus der Wohnung mit den viel zu vielen Erinnerungen. Wie macht man das? Wegwerfen, weggeben, umziehen? Wie macht man weiter? Muss man weitermachen? Wie steht man morgens auf, wie geht man abends ins Bett? Wie erzählt man davon? Was, wenn sie nicht wiederkommt?

Jan Fischer

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