15

Er sah die Lichter näher kommen, das Leder wurde ihm unter den Händen weggerissen, dann kam das Fahrzeug zum Stehen. Kein kreischender Reifen, kein knirschender Asphalt. Der Regen hatte aufgehört, auf das Blechdach zu trommeln. Die Tür ließ sich geräuschlos öffnen, das Warnsignal blieb aus. Das Fahrzeug hatte sich quer gestellt, als die Bremsen versagten. In seiner Erinnerung, die langsam verblasste, hatte es sich mehrfach gedreht. Aber das Ergebnis blieb das gleiche. Andere Autos, hätte es sie gegeben, wären ohne eine Chance auf Abbremsen in die Seiten des auf dem Mittelstreifen stehenden Fahrzeugs gekracht. Der zerbrechliche alte Lada wäre zum Spielball zwischen den Spuren geworden. Aber nichts dergleichen war geschehen.

Er fuhr sich durch das noch schweißnasse Haar. Er war auf dem Weg gewesen. Irgendwohin. Es war wichtig, aber er erinnerte sich nicht. Hatte es einen Unfall gegeben? Keine Bremsspuren im Halbdunkeln. Kein Kratzer am Auto. Kein Blut an seiner Kleidung. Es war, als wäre dies nicht die Straße, auf der er eben noch ins Schleudern gekommen war. Und die Farben verblassten wie das Wissen darum, was geschehen war. Der graue Asphalt vibrierte unter ihm, als führen schwere Laster die Straße entlang. Doch da waren keine Wagen. Niemand außer ihm. Nur die Nacht pulsierte schwarz-blau.

Ein heller Fleck am Horizont. Vielleicht ein anderes Auto. Vielleicht Hilfe? Hilfe wobei. Er ging zurück, setzte sich ans Steuer, wartete. Eine zeitlose Ewigkeit, dann konnte er das andere Fahrzeug ausmachen. Es bewegte sich langsam voran, als schleiche es durch einen dicken Nebel. Und mit ihm trug der seichte Wind ein Dröhnen herüber. Ein Dröhnen wie von schwerem Gerät, von Schallwellen, die aus riesigen Lautsprechern wummern, von berstendem Trommelfell. Doch er konnte nicht reagieren, sich die Ohren nicht zuhalten. Es schien überall und nirgends. In seinem Kopf, in seinen Gliedern. Je näher der Wagen kam, je deutlicher das Scheinwerferlicht sich gegen die Nacht abzeichnete, desto mehr hatte er das Gefühl, es würde ihn zerreißen, das dumpfe, tiefe, eintönige Geräusch. Unter den Bass mischte sich ein Geräusch wie brechendes Eis. Die Fläche eines Sees im Winter. Eines weiten Sees, auf dem sich Risse nur langsam voranbewegen. Und dann sah er sie. Feine Haarrisse auf der Frontscheibe.

Er berührte sie mit den Fingerspitzen.

Nun konnte er den anderen sehen. Er machte den Umriss eines Fahrers in der Kabine des Trucks aus, der die Straße entlang gekrochen kam, unweigerlich auf ihn zu. Der Mann musste ihn gesehen haben. Er wollte aussteigen, winken, aber seine Beine wurden schwer. Zu schwer, um die Pedale zu erreichen. Seine Arme wie Blei. Blei, das sich nach dem Sicherheitsgurt ausstrecken wollte und das Lenkrad erreichen. Und dann begriff er.

Mit dem ersten Schlag war die Welt wieder da. Doch nur für wenige Sekunden. Der Truck, der gerade noch in Zeitlupe auf ihn zugefahren war, riss die Unterseite des Wagens auf, als er ihn wie ein wütendes Rhinozeros über sich hinwegschleuderte. Der Lada flog durch die Nacht. Es war laut, es war kalt und es dauerte nur einen Augenblick. Dann waren Auto und Straße verschwunden. Und die Stille beruhigte ihn, während er aufhörte, zu existieren.

 

Samael Falkner

*

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.