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Auf dem Weg zum U-Bahnhof liegt eine kleine Ladenstraße. Viele Geschäfte stehen inzwischen leer, seit vor zehn Jahren eine große Einkaufspassage ein paar Straßen weiter aufgemacht hat. Zwischen zwei Imbissen, einem Koreaner und einem Pizzaladen, liegen zwei Bestattungsinstitute. Es gibt keine Bestattungsinstitute in Einkaufspassagen, dort ist kein Platz für sie. Wer einen solchen Ort betritt, dem ist schwierig zu vermitteln, dass Konsum Glück verheißt. Wer hier kauft, hofft, nicht noch einmal kommen zu müssen. Und nirgendwo fühlt man sich weniger als Kunde als hier.

Und trotzdem sehen Bestattungsinstitute aus wie normale Geschäfte; mit ein bisschen Umgestaltung könnte man dort auch ein Versicherungsbüro eröffnen. Tatsächlich hat einer der Läden in seinen riesigen, abgedunkelten Schaufenstern aufwändig gearbeitete Schiffsmodelle stehen, die alle etwas angestaubt wirken – als würde man eine große Fahrt antreten. Natürlich ist das eine gängige Metapher, aber was macht sie aus einem Bestattungsinstitut? Ein Reisebüro für die letzte Überfahrt. Sterben als Tourismus.

Es hat etwas rührend Verzweifeltes, wie Bestattungsunternehmen versuchen, die Verstorbenen als Kundschaft zu behandeln. Aber es hilft ja nichts, wenn die Einnahmen wegbrechen; man muss sich doch anpassen. Das dachte jedenfalls irgendein Bestattungsverband, der vor einiger Zeit eine groß angelegte Kampagne startete, Titel: „Wer nicht wirbt, stirbt.“

Jahrhundertelang war das Motto von Bestattern: Ob früher oder später, tot ist tot, Hauptsache Blumen. Die Grundlage ihrer Existenz war Vergänglichkeit. Jetzt sagen sie, man könne dem Tod entgehen, wenn Plakate in der Stadt hängen.

Es gab bei diesem „Werben oder sterben“-Wettbewerb ein Motiv, das den Schriftzug „Bestimm Dein Endspiel selbst!“ trug, und ich dachte: Frankreich – Italien. Sie haben jugendliche Motive genommen; ein junger Mann, der einen Ball vor sein Gesicht hält, mit Mütze auf dem Kopf. Darunter steht „Vorsorge – eine Sorge weniger“. Der Claim selbst ist in einer lässigen Schreibschrift gehalten, so wie sich 60-jährige Lateinlehrer Graffiti vorstellen. Anfang der 90er haben Jugendbuchverlage mit ähnlicher Motivik und Gestaltung versucht, ihr Publikum anzusprechen; kurzum: das ganze Plakat ist Hilflosigkeit gewordenes Papier.

Und es war kein Ausrutscher. Es war der Gewinnerentwurf.

Kein Wunder, dass andere Bestatter, die von der Notwendigkeit der Werbung überzeugt sind, alternative Ansprachen in Betracht gezogen haben. In Berlin, auf der Frankfurter Allee, sitzt ein Institut, das auf einem großen Plakat im Schaufenster den Satz stehen hat: „Nie mehr zu viel bezahlen!“ Oh ja, das soll meine letzte Sorge sein! Nicht etwa, dass mehr Licht zu meinem Sterbebett dringt oder ich mich mit einem verlorenen Familienmitglied versöhne; nein, mein letztes Hemd soll abbezahlt sein. Als könnte es mir nicht völlig egal sein, ob mein Körper posthum Orkas verfüttert wird oder anlässlich einer Sportveranstaltung als Feuerwerk über die Eröffnungsfeier herunterregnet.

Ganz gefährlich sind jene Bestatter, die den Pakt mit dem Teufel eingehen und sich an Humor versuchen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sich ein Haufen wachsgesichtiger, steifer, tiefschwarz gekleideter Chefbestatter in einen mit kleinen Gedenkkränzen dekorierten, vollfurnierten Konferenzraum begibt, um sich von einer Agentur aus Kaufbeuren „junge, frische Ideen“ präsentieren zu lassen. So muss es bei der Vorstandssitzung des Großkonzerns welt-bestattung.de gewesen sein, der vor ein paar Jahren Zeitungsanzeigen schalten ließ, mit dem jetzt schon legendären Satz: „Bei uns liegen Sie richtig“. Ich hab ihnen sofort geschrieben, um sie zu fragen, ob sie sagen würden, ihr Service sei absolut unterirdisch. Leider hat mir nie jemand geantwortet.

Der Tod ist keine lustige Angelegenheit, jahrtausendelang wusste die Branche das. Nur der Kapitalismus hat sie vom Gegenteil überzeugen können, und das ist bedauerlicherweise noch nicht einmal sein größtes Verbrechen.

Frédéric Valin

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