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An der Anmeldung vorbei, der Aufzug bleibt links liegen, die Treppen hoch, alle vier Stockwerke im Fluge, kurzer Gruß in die Kanzel der Schwestern und Pfleger, verharren vor dem Zimmer 419, sich gerade hinstellen, ein freundliches Gesicht aufsetzen, gut so, jetzt steht es mir, nicht anklopfen, sie ist ja alleine, oder vielleicht doch, eine Schwester huscht vorbei, darf ich zu ihr, ein Zurücklächeln, Sie dürfen immer zu ihr, so oft Sie wollen, so oft Sie können, so oft es geht, schon hat sich die Schwester mit ihrem weißen Kittel im weißgestrichenen Flur aufgelöst, meine Schonzeit läuft ab, wie lange will ich auf die nächste Schwester warten, beherzt die Klinke drücken, die Tür gibt nach und lädt mich ein, hinein, hinein in den gedämpft beleuchteten Raum zu treten, vor das Bett. Da liegt die Frau, die mir das Leben geschenkt, die mich lieb gehabt, die es mit mir immer nur gut gemeint, die sich immer Sorgen um mich gemacht, die ihr Leben lang geschafft hat, ein Haus gebaut, ein Geschäft aufgebaut und es geführt hat, Garten, Haus, Mann vorbildlich versorgt, sich um ihre Eltern, Verwandte und Freunde gekümmert hat, am Bettgestell mit weißen Bandagen festgebunden, an Schläuchen angeschlossen, die aus zerknautschten Plastikbeuteln kommen und in Blutergüssen münden, beatmet durch einen gurgelnden Anschluss an der Nase. Sie greift mit ihrer blauädrigen Hand, die den Spielraum eines kleinen Blattes hat, das sich im Winde dreht, nach meiner. Sie reißt ihre Augen ganz weit auf, die sagen, es reicht, wir haben alles gesehen, die sagen, noch etwas sagen wollen, versagen. Hauchen aus rissigen Lippen. »Peter, ich wünsche dir alles Gute.« Ich streiche Falten aus dem Laken und bleibe.

 

Claus-Peter Schmidt

 

 

 

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