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Anja hielt sich nur für bedingt sterblich. Sie dachte, ihr Immunsystem sei durch den wiederholten Verzehr von ungewaschenem Obst und den frühkindlichen Konsum von Sand so robust wie ein Lederhandschuh. Mit Warnungen ging sie eher lax um, sah diese als Provokation, stellte sich vor Verbotsschilder und streckte ihnen die Zunge raus. Wenn etwas verboten wird, markiert man dies gern durch Durchstreichen. Rot durchstreichen. Anja freute sich immer, wenn man vor lauter rotem Durchstreichen kaum noch ahnen konnte, was darunter verboten war.

Sie mochte auch die schwarz-weißen Rahmen, die 3–4 mm dick in Helvetica fett auf Zigarettenschachteln vor dem Rauchen warnten, ja, sie suchte förmlich die Begegnung mit dem Tod:

»Rauchen tötet«.
»Rauchen kann tödlich sein«.
»Rauchen kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen«.

Der schwarze Traueranzeigenrahmen signalisiert: Als Raucher bist du ja quasi schon tot. – Hier wird echter Unfug mit der Kausallogik betrieben.

Ein allgemeiner Ausruf wie »Rauchen tötet« wird begleitet von einem spezifischeren Zusatz, der sich etwa an eitle Frauen oder fortpflanzungswillige Männer richtet:

»Rauchen lässt Ihre Haut altern«.
»Rauchen kann die Spermatozoen schädigen und schränkt die Fruchtbarkeit ein«.

Aua. Schon syntaktisch aua.
Die Sätze sägen, radikal banal. Aber wenn es wie bei der Hautalterung ohnehin um Eitelkeiten geht, warum dann nicht zusätzlich auf das sekundäre Eitelkeitsprojekt, den symbolischen Körper des Heims zielen?

»Rauchen macht ihre Wand gelb«.
»Raucher müssen ihre Vorhänge öfter waschen«.

Alles ist Rauchen, Raucher, Rauch. Falls du Identitätsdissoziationen hast, ist eines immerhin sicher: Du bist Raucher. Interessant auch der Umgang mit Modalverben: Rauchen kann Sperma verlangsamen, aber gilt dieses kann auch für die Fruchtbarkeit?
Und: Was ist nun, tötet Rauchen generell oder kann Rauchen tödlich sein, beide Warnungen sind gleichberechtigt im Katalog vorhanden. Überhaupt, dieses kann: Welche Möglichkeit ist hier gemeint? Dass Rauchen es vermag zu töten, also die Fähigkeit besitzt, dich umzubringen? Oder, dass es noch nicht ganz klar ist, ob Rauchen dich tötet, dass es aber sein könnte? Kann hat von allen Modalverben den weitesten Semantikspielraum. Wen warnt man wie und wen wovor?
Es geht letztlich um sprachlich konstruierte Verantwortlichkeiten: Der Tod hat Wegweiser, die man besser nicht übersieht, weil sonst der Staat und die Gesellschaft dem Lungenkrebskranken »Ich hab’s dir ja gesagt« entgegen plärren. Gesundheit wird wie so vieles privatisiert und schuldbesetzt. Per Traueranzeige wird die Solidarität gekündigt: Der Sinnüberschuss der Moderne war die Kritik. Heute ist es die Kontrolle. Gegen das Zittern kommt man nur mit Rauchen an.

 

Anja Schürmann

 

 

 

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