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Dass du gekommen bist! Nimm dir doch einen Stuhl. Leg die Handtücher auf das Fensterbrett. Es ist so schön, dich zu sehen.
Ja, die Schwestern sind alle sehr nett. Visite war heute schon.
Nein, es gibt keine Neuigkeiten.
Die Schmerzen sind nicht mehr so stark. Die Spritzen helfen.

Wie geht es den Kindern? Das ist aber schön. Ja, stimmt, der Spielplatz mit der roten Rutsche. Weißt du noch, wie Paul kopfüber runter geschliddert ist? Mir ist der Atem stehengeblieben, aber du hast gelacht.
Und Jette? Singt sie immer noch sofort nach dem Wachwerden? Ja, sie ist sehr musikalisch. Und so schlau. Du hast tolle Kinder. Aber was sage ich dir da.

Könntest du mir bitte das Kopfkissen aufschütteln? Danke.

Mein liebes Töchterchen, Marie! Weine doch nicht.
Vor zehn Jahren hatte ich schon einmal mit dem Leben abgeschlossen. Keine Kraft für die Transplantation. Erinnerst du dich noch? Ja, für Mutter war das auch eine schwere Zeit.
Weißt du, was mir damals den Mut und die Kraft gegeben hat, doch weiterzukämpfen? Ich wollte unbedingt auf deiner Hochzeit tanzen! Und die versprochenen Enkelkinder kennenlernen.

Ach, sag doch nicht so etwas! Wofür möchtest du dich denn entschuldigen?
Daran erinnerst du dich noch? Ach, meine Prinzessin. Nein, ich trage dir nichts nach. Nein, wirklich nicht! Kinder dürfen ihren Eltern Vorwürfe machen. Sie müssen protestieren. Auch manchmal sich abwenden. Marie, das habe ich dir doch schon längst verziehen. Marie. Nicht weinen. Komm, lass dir die Tränen abwischen. Ach!

Wie es nun weitergeht? Die Ärzte sprachen von einigen Tagen.

Ja, traurig. Aber weißt du, ich bin auch zufrieden. Ich hatte doch alles im Leben. Natürlich würde ich lieber noch länger bei euch sein.

Ob du noch etwas für mich tun kannst? Aber, du tust doch gerade ganz viel. Bist hier und lächelst wieder.
Vielleicht, pass gut auf Mutter auf. Am besten, du holst sie oft zu dir und sie muss mit den Kindern spielen. Und ermutige sie, auf Reisen zu gehen. So attraktiv, wie sie ist, findet sie sicherlich einen Verehrer! Warum wirst du denn rot? Natürlich ist deine Mutter noch immer eine sehr schöne Frau.

Meinst du, die Kinder werden mich sehr vermissen?
Mittwochs kein Opa-Tag mehr. Das Baumhaus habe ich nicht fertig gestrichen. Und die Strickleiter fehlt noch. Ja, da muss auch ich weinen.

Nein, Schwester Marthe, ich rege mich nicht auf! Nein. Ich bin nicht erschöpft! Lassen Sie meine Tochter noch etwas hier bleiben. Ja, und danach ruhe ich mich wieder aus.

Marie, gibst du mir die Hand? Deine ist schön warm. Meine so durchscheinend. Ich friere schnell. Ja, lehne das Fenster an!

Ja, bald.

Nein, ich habe keine Angst.

 

Anne D. Plau

 

 

 

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