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In Bulgarien, wo ich geboren bin, ist der Tod überall in Form von Todesanzeigen präsent. Denn bei uns werden diese nicht in der Zeitung gedruckt, sondern an diversen Stellen wie Eingangsfluren, Friedhofsinformationstafeln, Bäumen oder Straßenlaternen, in DIN-A4-Größe angeklebt. Wie ein Meer aus bekannten und unbekannten Gesichtern von Toten, schlicht und meistens schwarz mit einem Passbild des Verstorbenen, dazu ein kurzer Trauervers und die Zahlen zum Geburts- und Todestag.

Meine Oma starb, als ich dreizehn Jahre alt war.

Ihre Todesanzeige wurde unter anderem an den Stromzählerkasten im Eingangsflur unseres Wohnblocks geklebt. Als eine Art Andenken wurde sie immer wieder aufgefrischt und dementsprechend gestaltet, das erste Mal nach vierzig Tagen, dann alle drei Monate bis zum ersten Todestag und von da an jedes Jahr.

Solange meine Mutter, ihre Tochter, in Bulgarien lebte, klebte sie immer die neue Erinnerung über die alte und mit den Jahren schichteten sich die Gedenkanzeigen wie ein Blätterteig auf.

Egal ob morgens um sieben Uhr auf dem Schulweg im Alter von vierzehn Jahren, oder um zwei Uhr in der Nacht nach der Disco mit vierundzwanzig, immer hat mich zwischen all den anderen vergilbten Todesanzeigen der Nachbarn das Bild meiner Oma begrüßt oder verabschiedet.

Wenn ich heute nach Bulgarien fahre und den Eingang unseres Hauses betrete, wandert mein Blick wie schon tausendmal zuvor nach rechts auf den Stromkastenzähler, wo die letzte nicht aktualisierte Gedenkanzeige von meiner Oma klebt. Dann setze ich die Taschen auf den Betonfußboden, berühre leicht das Bild mit dem geliebten Gesicht, denke an glückliche, unbeschwerte Tage und sehne mich nach ihr.

 

V. S. Wagner

 

 

 

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