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Ich möchte mir die Dimension vorstellen, in der du warst, ehe du zu uns kamst. Ich möchte mir vorstellen, du hattest dort ein Bewusstsein. Du warst eine Art Energie mit Verstand. Die Dimension könnte eine sein, in die alle Energien zurück kehren, deren Körper in einer anderen Dimension nicht mehr lebendig sind. Sie hätte keine erkennbaren Grenzen und trüge keinen der bekannten Namen oder vielleicht auch alle. Es gäbe dort vielleicht eine Instanz, die verankerter wäre als deine und die aller anderen Energien. Diese Instanz trüge keinen der bekannten Namen oder ebenfalls alle oder wüsste eventuell von ihnen. Sie selbst hätte sich vielleicht eher einen gegeben, den man mit menschlichen Sinnen nicht erfassen kann.

Ich möchte mir vorstellen, du hättest dich in dieser Dimension befunden und eine Weile irgendetwas getan, das man mit unseren Sinnen nicht erfassen kann. Grundsätzlich kann man mit unseren Sinnen kaum etwas von dem erfassen, was in dieser Dimension geschieht, aber wie sonst soll ich daran denken, wenn nicht mit meinen Sinnen.

Du hättest also irgendetwas getan, das man mit unseren Sinnen nicht erfassen kann. Möglicherweise könnte man es vergleichen mit dem, was wir ausruhen nennen. Das wäre eine Weile so ähnlich wie angenehm gewesen, aber dann hätte es den ein oder anderen Grund gegeben, an diesem Zustand etwas zu ändern. Du hättest dich an die höhere Instanz gewendet, deren Aufgabe es wäre, Energien einem Körper zuzuführen, woraus letztlich Leben entsteht. Und diese Instanz hätte dir den Körper präsentiert, der gerade an der Reihe sei. Der Körper sei, bis auf ein einziges Detail völlig in Ordnung, hätte die Instanz dir mitgeteilt. Dieses Detail würde das Leben des Körpers allerdings stark verkürzen. Weil das nicht die ideale Vorstellung von Leben sei, dürftest du wählen, in welche Umgebung der Körper geboren werden soll.

Die Instanz hätte dir eine Reihe von potenziellen anderen Körpern präsentiert, die gerade verfügbar seien und deren Aufgabe es wäre, sich um deinen Körper zu kümmern.

Deine erste Wahl hätte die Instanz als mutig bezeichnet. Sie hätte dir geschildert, was auf dich zukäme. Das seien Menschen, die Kaugummis unter Tische klebten und ungern mit anderen teilten. Sie könnten eventuell nichts dafür, das Leben brächte Unglück mit sich und verforme zuweilen gute Energien in schlechte. Es sei eben doch eine heikle Angelegenheit zu existieren. Würdest du dich tatsächlich für diese beiden entscheiden, hättest du keine sehr angenehme Zeit, wobei erwähnt sein müsse, dass deine Zeit ohnehin nicht angenehm sein würde, aber mit dieser Wahl wäre sie noch schlechter. Andererseits würden diese Menschen nicht ganz so lange leiden wie andere. Sie würden sich kurze Zeit später einen Hund besorgen. Der würde Befehle befolgen und wäre unglücklich, weil man ihn nicht ernst nähme, aber sie würden ihm kein wirkliches Leid zufügen.

Deine zweite Wahl hätte die Instanz besorgt zur Kenntnis genommen. Die Frau, hätte sie erklärt, habe ein zu großes Herz. Sie habe es einem Mann geöffnet, der es nicht zu schätzen gewusst habe und der Tod ihres Kindes würde eben dieses Herz, wenn du dich für sie entschiedest, zum Platzen bringen.

Warum das überhaupt nötig sei, hättest du ungeduldig gefragt. Warum der Körper nicht einfach das sein könne, was man als gesund bezeichne.

Wegen der wunderbaren Vielfalt, hätte die Instanz dir entgegnet. Es müsse Unterschiede geben.

Die wunderbare Vielfalt? Hättest du skeptisch gefragt. Und die Instanz hätte trocken erklärt, das sei ein Witz gewesen, auf die Körper habe sie, mit Ausnahme der Energiezuteilung, überhaupt keinen Einfluss.

Aha, hättest du entgegnet. Und dann hättest du uns entdeckt. Gerade in dem Moment als wir gelacht hätten. Du hättest erkannt, dass wir glücklich seien und hättest dich mit uns gefreut.

Und die Instanz hätte bemerkt, dass du uns entdeckt hast und dir erklärt, wir würden ein paar Probleme mit uns rumschleppen aber wir könnten lieben, das sei unser größtes Talent. Wir würden allerdings sehr lange trauern, ja.

Bis unser Herz platze?

Nein, hätte die Instanz gesagt. So lange nicht.

 

Ich möchte mir vorstellen, dass du dich für uns entschieden hast. Dass du uns so wolltest, wie wir dich wollten. Dass deine Blicke, vor allem dein letzter Blick, Geschenke waren oder Botschaften. Ich möchte mir vorstellen, wir begegneten uns irgendwann irgendwo wieder. Und dass wir uns dann erkennen würden.

 

Mareike Schneider

 

 

 

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