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Die gute Nachricht zuerst: Ich soll Sie schön grüßen, vom Tod! Ich habe ihn getroffen und es lief komplett anders, als man sich so eine Zusammenkunft vorstellen würde. Während einer Nachtlebensrecherche landete ich im Super 77, einer Bar im Wedding. Ich trieb mich zu jener Zeit als Reporterin in vielen Clubs und Bars herum, manche waren spektakulär, andere eben wie das Super 77. Das Interieur wirkte wie aus der Zeit gefallen. Die Beleuchtung schien eitergelb auf Blumendekortapete und auf den Holztischen unter den Pilsgläsern klebten Bierdeckel mit vergilbten Zille-Zeichnungen. Es handelte sich um eine der letzten Raucherbars mit nur wenig Gästen und ich wollte sofort wieder raus. Ich dachte, ich geh hier nur kurz auf Toilette und ziehe dann weiter in einen Laden, über den es sich lohnt zu berichten.

Als ich vom WC kam, saß da dieser Typ an der Bar, er drehte sich zu mir und fragte nach der Urzeit. Ich hielt das für eine billige Anmache und zuckte nur mit den Schultern. Aus einem Kasettenrekorder knarzte Rod Steward: »If you want my body and you think I‚m sexy. Come on, sugar, let me know.«

Der Sound ergänzte sich auf beindruckende Art mit der Frisur von Mirko Schneider – so stellte er sich später vor. Mirko Schneider sah aus wie ein Installateur, der entfernt mit Frank Zander verwandt ist. Zwei winzige Plüschwürfel baumelten an seinem Schlüsselbund, und er trug hellblaue Jeans.

Ich weiß nicht, wie wir dann doch ins Gespräch kamen, jedenfalls unterhielten wir uns über unsere Jobs. Er fand witzig, was ich mache, beschrieb aber seinen eigenen Arbeitsalltag als katastrophal und nutzte die Gelegenheit, um sich mal ordentlich Luft zu machen. Er wäre nun schon zum fünften Mal in der Kneipe, um den Wirt abzuholen, erzählte er, aber ständig grätsche ihm jemand rein und zücke irgendwer ein Handy, so dass kurz darauf die Sanitäter zur Stelle wären. Herzmassage, Elektroschock, das Übliche – eine Zumutung wäre das! Der Wirt hätte schon vier Infarkte gehabt, seine Leber sähe aus wie ein zerklüfteter Stiefel, aber man ließe ja ihn, den Tod, einfach nicht seinen Job erledigen! Und den Kollegen ginge es nicht besser. »Welche Kollegen?«, frage ich baff erstaunt. Aber Mirko hört gar nicht zu. »Man will uns abschaffen, so ist dit!« ruft er und »Scheiß Forschung!« Viele seiner Kollegen wären deshalb schon weg aus Europa und dahin, wo der Tod noch Power hat, wo es keine ordentliche medizinische Versorgung gibt und das Wasser stinkt – »Da ham‘se noch Respekt vor uns!« Aber auch dort wäre es nur eine Frage der Zeit. Deshalb wolle der Gewerkschaftsbund für Todesbringer, kurz GBFT in Kürze zum Streik aufrufen. »Wir wollen, dass die Handys verschwinden, damit wir mit mit den Sanitätern wettbewerbsfähig bleiben und dann muss eine fette Imagekampagne her, so wat wie bei der BSR: ,We Die For You!‘ – Die Leute müssen mal kapieren, dass sie ohne uns aufgeschmissen sind! Wo wolln‘se denn alle hin, wenn keiner mehr stirbt?«

»Die Menschen könnten ja aussiedeln und andere Planeten nutzbar machen. Dann muss keiner mehr sterben«, wende ich ein. Mirko wird ernsthaft ungehalten: »Dann haut doch ab uff‘n Mars! Aber hier auf der Erde hat immernoch jestorben zu werden! Wer uns abschaffen will, hat nüscht begriffen!«

Da kommt der Wirt aus der Küche. Er stützt sich auf die Bar und atmet schwer. Sein Gesicht ist aufgeschwemmt, die Lippen sind bläulich verfärbt. Der Mann sieht wirklich schlecht aus. Oh, wie blüht da Mirko, der Tod auf. Die wütenden Vorträge – vergessen! Er springt vom Barhocker und sagt: »So, Fräuleinchen. Ik muss. Die Arbeit ruft!« Ein letztes Mal schaue ich ins Gesicht des Wirts und auf die Würfel am Schlüsselbund von Mirko. Ich verabschiede mich. Vor der Kneipe rufe ich den Notarzt.

 

Jackie A.

 

 

 

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