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Sein Name ist Pelle. Ich sage, »ist«, weil es in Pelles Fall das, »war«, nicht geben kann. Pelle ist tot. Doch Pelle ist auch Tod. Es ist 24 Jahre her. Schauplatz unser Bandhaus. Als einzig verbliebenes Mitglied seiner Familie hat Pelle es früh geerbt. Der Ort unseres ersten Zusammentreffens, nach halbjährigem Briefwechsel, und der anschließenden Entscheidung, Pelle solle unser neuer Frontsänger werden. Es ist also vor 24 Jahren. Es liegen keine Studioaufnahmen an, denn es ist Winter. Ich bin zuhause. Pelle ist die meiste Zeit alleine im Haus. Nur Hieronymus macht dort alle paar Wochen einen Zwischenstopp. Er ruft mich an. Unvermittelt. An irgendeinem Tag. Zweimal an jenem Tag. Ist Pelle bei dir, fragt er beim ersten Mal. Ich komme nicht ins Haus. Ich antworte mit Nein. Dann baumelt er wahrscheinlich in seinem Zimmer. Ich sage, mach keinen Mist. Es ist früher Abend. Hieronymus ruft zum zweiten Mal an. Ich bin durch ein Fenster rein, sagt er. Blut. Überall. In den Fluren, in der Küche. Das meiste im großen Bad. Die Spur führt durch das ganze Haus. Sie endet in Pelles Zimmer. Seinem Kinderzimmer. Pelle liegt auf dem Bett, sagt Hieronymus. Die Schrotflinte neben ihm. Den Dolch habe ich auf die Flinte drapiert, sagt er. Ich frage nach. Für die Fotos, sagt er. Für das neue Plattencover. Ich sage, er solle endlich die Polizei verständigen und lege auf. Ich bin nicht im mindesten überrascht. Von nichts. Ich gehe sofort ins Bett und schlafe bis zum nächsten Morgen. Im Traum erscheint mir Pelle. Er redet mit mir, doch ich kann nicht verstehen was er sagt. Er verfolgt eine streunende Katze mit einem Speer durch den Garten unseres Bandhauses. Wie immer erwischt er sie nicht. Die Polizei befragt auch mich zu seinem Freitod. Sie finden verweste Vogelkadaver unter seinem Bett. Was es damit auf sich hat. Wenn er schläft, ist er so dem Tod näher. Sie verstehen es nicht und schütteln ihre Schädel. Ich versuche nicht, es ihnen zu erklären. Sie sagen mir, dass sie eine Notiz gefunden haben. Ich frage, ob ich sie sehen kann und beiläufig zeigen sie mir das Blatt Papier. Es steht genau das darauf, was ich erwarte. Nur das PS überrascht mich und räumt mir ein Lächeln ins Gesicht. Entschuldigt das ganze Blut, steht dort. Die Polizisten schütteln wieder ihre Schädel. Keine weiteren Fragen. Von der Veranda aus beobachte ich, wie sie wegfahren. Eines Abends, nach einem vollen Tag im Studio, erzählt mir Pelle von seinem ersten Tod. Er bricht beim Schlittschuhfahren durch die Eisdecke des Sees. Als er im Krankenhaus ankommt, ist er tot. Sie holen ihn wieder zurück. Seitdem ist er Tod. Doch erst auf der Bühne oder im Studio kann er das Todsein vollkommen ausleben. Ich schätze seine ganz bestimmte, eigene Art von Sein rührt daher. Seine Sicht der Dinge und das Gefühl, eigentlich nicht hier sein zu dürfen. Nicht auf dieser Seite sein zu sollen. Sein Name ist Pelle. Er ist Tod. Das war er schon immer.

 

Philipp Winkler

 

 

 

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