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Er ist tot. Drei Buchstaben. Ein kurzes Wort für eine endlose Ewigkeit. Für die endgültige Subtraktion. Für das Schlusszeichen. Oder ist Sterben ein Doppelpunkt – jenseits aller Gläubigkeiten?

Der Faden gerissen, das Haus in Trümmern, der kleine Körper geborgen, obduziert, aufgebahrt. Seine Hülle.

Nur seine Hülle, sagt ihr Bruder und nimmt sie in den Arm. Schwindlig ist ihr. Du schwindelst. Das kann nicht sein. Sie schreit es aus dem Fenster. Ich hasse ihn!

Die beiden Worte Erweiterter und Suizid hasst sie ebenfalls. Es kann einfach nicht wahr sein. Nicht wirklich. Wie weh doch weh tun kann.

Der nächste Morgen findet sie verkatert. Nein, nicht Kater. Anderes Chaos, an das sie sich nicht erinnern will. Sie schüttelt erfolglos ab, was angeblich wahr ist und sich nun an ihr festsaugt. Diese Wirklichkeit, die sie ungefragt umfängt und ihre Herzräume verwüstet. Kalte Schwärze vor ihre Augen malt. Gnädiger Taumel zieht sie zurück über die Brücke. Chemieseidank. Nicht erwachen. Keine unwirklichen Wahrheiten denken. Doch den roten Faden, im Stolpern gefunden, lässt sie nicht mehr los. Sie hangelt sich zurück. Gestern. Vorgestern.

WUT. Sie durchbohrt die Rippen von innen nach aussen. Und das Herz quer zur Faser. Sie keucht, sinkt ins Kissen. Wut wächst in der Leere. Innen und außen. Dieser Klumpen, mitten im Bauch, dehnt sich aus. Direkt hinter dem Nabel. Hitze, die ihre Haut von innen verätzt und ihren Magen verbrennt. Am ganzen Körper Juckreiz. Wieso kann sie nicht schreien? Sie hasst sich dafür, dass sie nichts geahnt hat. Und verhindert.

Leos Abwesenheit und ihre Wut füllen allen Raum. Innenraum ohne Fenster. Leerer kann kein Raum sein.

Trauern um Leo – nun ist das ihre Hauptbeschäftigung. Es ist wie Autobahnfahren. Meter für Meter rast sie vorwärts. Ohne nach rechts oder nach links zu schauen, behält sie die einmal gewählte Richtung bei. Weg vom Schmerz. Das Steuerrad auf Autopilot. Sie hält das Tempo, erlaubt sich kaum Pausen.

Bis der Krug bricht.

Emma ist da, Melissa auch, ebenso Theo und Nina. Halten sie fest. Weinen mit ihr.

Alles kann man üben, sagt Nora zu Emma. Du kannst lernen, den Kopfstand zu machen. Du kannst Muskeln trainieren. Sogar bei der Trauerarbeit gibt es Unterstützung, beim Abschiednehmen und Loslassen ebenfalls. Nur das Sterben bringt dir niemand bei. Ganz alleine müssen wir da durch. Manchmal beneide ich die Toten. Sie haben es hinter sich.

Wie Totsein wirklich ist? Wie wirklich ist Totsein wirklich?

 

Denise Maurer

 

 

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