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Ding-Dong läutet es an der Tür, während ich gerade auf dem Klo sitze, um in aller Ruhe ein ordentliches Geschäft zu verrichten. Nichts hasse ich mehr als dieses schnelle Saubermachenmüssen meines Arschs nach überstürztem Weglegen des gerade gelesenen Buchs. Noch während ich zur Wohnungstür eile, hallt schon das nächste ungeduldige Ding-Dong durch den Flur. Bevor ich die Klinke nach unten drücke, tue ich, was ich immer an dieser Stelle tue: Ich werfe einen prüfenden Blick durch den Spion. Ein verkleideter Typ steht draußen; das Gesicht komplett von der Kapuze seines schwarzen Gewands verschluckt, im linken Handskelett eine Sense. Weil Halloween ist, bin ich nicht weiter überrascht ob der seltsamen Gestalt vor meiner Tür. Und so öffne ich sie neugierig. Anders als erwartet, ertönt jedoch kein jugendliches Süßes oder Saures, sondern ein düsteres Ich komme, dich zu holen. Um seiner Botschaft Nachdruck zu verleihen, richtet der Tod den Zeigefinger seiner ausgestreckten rechten Knochenhand auf mich.

Ich lächle schnaufend und nicke ihm anerkennend zu. Ich bin gleich zurück, sage ich und kehre ihm den Rücken zu, um ins Wohnzimmer zu gehen, wo ich meine Schokoladenvorräte horte. Noch während ich in der Süßigkeitenschublade wühle, steht die finstere Gestalt plötzlich neben mir. Ich zucke zusammen und fühle mich einen kurzen Moment unwohl.

Wie haben Sie das gemacht, ich habe Sie gar nicht gehört?, will ich von ihm wissen und lache nervös, wie man eben lacht bei dem Versuch, einfacher mit einer seltsamen Situationen umzugehen. Wenn ich nicht wüsste, dass es totaler Unsinn ist, müsste ich annehmen, Sie wären hergeschwebt. Hier, ich werfe eine Packung Schokoriegel in seine Richtung, deswegen sind Sie ja schließlich hier.

Weil ich noch nie ein sonderlich guter Werfer war, verfehle ich auch jetzt das eigentliche Ziel: seine Skeletthände. Stattdessen landet die Schokoladenpackung in der Öffnung der Todeskapuze, wo sie im Dunkel verschwindet. Peinliches Schweigen breitet sich aus zwischen uns. Ich begleite Sie dann mal hinaus, durchbreche ich die Stille und fröstele, als ich mich an ihm vorbeidrücke. An der Wohnungstür angekommen, steht der Typ schon wieder wie ein Geist neben mir. Happy Halloween, rufe ich dem Fremden zu, während ich an der offenen Tür stehe und versuche, ihn hinaus zu komplimentieren. Wortlos gleitet er an mir vorbei, nur um augenblicklich vom finsteren Flur verschluckt zu werden. Ängstlich fällt die Tür ins Schloss. Was für ein Freak, denke ich noch, bevor ich auf einigen am Boden liegenden Schokoriegeln ausrutsche, mit der Stirn auf die Kommode schlage und bewusstlos zu Boden falle, wo man mich in einigen Tagen tot auffinden wird.

 

@Agent_Dexter

 

 

 

 

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