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»Und, hast du Geschwister?«
»Nein«

Diese Frage taucht zwangsläufig am Anfang von jeder Freundschaft und Bekanntschaft auf.
Diese Frage ist berechtigt, vielleicht sogar notwendig. Ihre Antwort ist oft interessant.
Diese Frage zwingt mich jedes Mal, über Lüge und Wahrheit nachzudenken.

Sie sagten, ich sei ein Einzelkind. Ich wiederholte, ich sei ein Einzelkind. Bis in meine späte Kindheit war ich ein Einzelkind, glaubte, ein Einzelkind zu sein.
Doch irgendwann erzählte mir meine Mutter von ihr. Ich nannte sie »Lasi«, denn damals wollte ich Lisa heißen. Und da ich ihr einen Namen geben musste, weil niemand das getan hatte, da wir ja irgendwie zusammen gehörten, konnte ich sie nicht »Marianne« oder »Sonja« nennen.

Ich weiß bis heute nicht, ob ich ein Einzelkind bin oder nicht. Ich weiß bis heute nicht, ob ich lüge, wenn ich behaupte, es zu sein. Ich weiß, dass ich nicht immer ein Einzelkind war, aber ich weiß auch, dass ich mir dessen nie bewusst gewesen wäre.

Meine Mutter trank zwei Gläser Schnaps, nachdem sie erfahren hatte, dass Zwillinge in ihr wuchsen. Ich weiß nicht, was sie tat, nachdem sie erfahren hatte, dass eines der Embryonen krank war, Turner-Syndrom, und die Geburt nicht überleben würde. Ich weiß nicht, was sie tat, aber ich weiß, dass sie erleichtert war. Sie war erleichtert, weil sie Alleinerzieherin war, sie war erleichtert, weil sie arbeitslos war, sie war erleichtert, weil sie nicht gewusst hätte, wie sie zurecht gekommen wäre, mit zwei Kindern, eines davon schwer behindert.

Ich mache ihr keinen Vorwurf. Ich verstehe sie.
Wenn überhaupt, mache ich mir Vorwürfe. Ich weiß natürlich, dass das mehr als sinnlos ist. Ich weiß, dass ich sie nicht umgebracht habe. Aber leider bin ich keine Atheistin, sondern Agnostikerin. Deshalb stelle ich mir gewisse Fragen, auf die es keine Antwort geben kann.

Habe ich eine Schwester? Wenn ja, wo ist sie? Wenn nein, wer war sie? Warum musste sie sterben? Warum darf ich leben? Was kann ich tun, damit sie nicht in Vergessenheit gerät? Will sie vergessen werden, ihre Ruhe haben?

Seit vielen Jahren habe ich ein Bild im Kopf. Es ist verschwommen und alt, älter als mein Erinnerungsvermögen. Ein Bett im Krankenhaus, darauf liegt meine Mutter und neben ihr ein Neugeborenes. Ich sehe das Bild aus der Vogelperspektive. Ich weiß nicht, obdieses Bild »real« ist. Ich weiß nicht, ob ich neben meiner Mutter liege. Ich weiß nicht, ob dieses Bild die letzte, einzige Erinnerung von meiner Schwester ist. Es wäre wohl die schönste Interpretation.

 

Noomi Seebacher

 

 

 

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