102

Ludwig Hannibal Rinnstein ist tot.

Erst gestern noch haben wir die Tassen mit ihm gehoben, heute tun wir es auf ihn. Prosit! –

Ludwig Hannibal Rinnstein erhielt seinen Namen im Mai ’46 auf Beschluss der Gemeinderatsversammlung unter Vorsitz unseres damaligen Bürgermeisters Hannibal Huntgeburth – Gott hab ihn selig. Er kam aus der Gosse. Er ging in die Gosse. – Ludwig Rinnstein. Nicht der Bürgermeister. Drei Monate mochte er alt gewesen sein damals, als der Landwirt Ludwig Lederer – auch er längst hinüber – ihn aus der Gosse zog. Daher der Name. Ludwig Rinnstein. Lederers Ludwig fand ihn, halb erfroren und wimmernd in der Rinne. In den leichenstarren Armen der Mutter. Das Kind musste man ihr mit Gewalt entreißen. Sie war hinter dem Flüchtlingstreck zurückgeblieben, als der Tod sie einholte. Keine Papiere, kein Geld, aber das Baby. Ludwig Hannibal Rinnstein.

Wer hat ihn nicht gekannt? Die Gemeinde hat es sich zur Ehrensache gemacht, damals in den Nachkriegswirren, trotz Entbehrungen und Hungersnot. Der Kleine wurde weitergereicht von Haus zu Haus. Da ist keine Familie unter uns, die nicht ihr Schäflein dazu beigetragen hat, dass aus Ludwig H. Rinnstein, das wurde, was er war. Es war eine harte Zeit. Der Herr hat’s genommen, der Herr hat’s gegeben. Prosit!

Ob bei den Lederers, bei den Hubers, den Krautsäckels – Ludwig Hannibal Rinnstein war in allen Familien willkommen. Wie hat er es uns gedankt? – Damit dass er ein brauchbarer Mensch geworden ist. Er bekam Speis und Trank – und arbeitete zum Dank. Er hat getan, was zu tun war – wie wir alle. Weit hat er’s nicht gebracht. Wie denn auch?

Er trank. Zu viel. Wer will den ersten Stein werfen? Er hat von unseren Tellerchen gegessen, von unseren Becherchen getrunken, in unseren Bettchen geschlafen, wie es so schön heißt. Wir haben uns an ihm – wir haben mit ihm angestoßen. Prosit!

Immer hat er ein Löchlein als Unterschlupf gefunden. Hat getrunken wie ein Loch. Er war einer von uns. Erst gestern noch haben wir ihn zum Besten – haben wir auf sein Bestes – hoch die Tassen! Ludwig Hannibal Rinnstein! Gestern war er noch unter uns, heute liegt er im Loch da unten.

Dass der Bus ihn erfasste, im Morgengrauen, im Rinnstein – wer konnte damit rechnen, dass er dort lag? Warum ist er nicht wieder aufgestanden? – Vielleicht war er ja längst erfroren!

Liebe Gemeine – äh, Gemeinde! Stoßen wir an auf Ludwig Hannibal Rinnstein. Er kam aus der Gosse. Er ging in die Gosse.

Gosses – äh, Gottes Segen allen, die ihn kannten.

Prosit!

 

Regina Schleheck

 

 

 

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon, das ePub u. a. bei bol.de/.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.ch/.de, weltbild.at/.ch/.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr*e Buchhändler*in kann Frohmann-E-Books ganz einfach über Libri bestellen. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.