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1. Heimat

Als ihr Kopf noch immer ein Sack voll Flöhe war
und ihr Herz eine ausgebeulte Nervenheilanstalt
saß sie letztendlich wieder in der alten Heimat:
Vorortfrauen und asoziale Faune umgaben sie
Jeden Abend gab es Pizza mit Geschmack
und achtzig Zigaretten ohne Filter
Der Raum war blau, die Couch ein Leopard
im Fernseher dröhnten die Erinnerungen
und alle Blumen schüttelten die Köpfe
in dem winzig kleinen Vorgarten

Als Gevatter Tod vor ihr den Diener machte
vor dem schwergebräunten Angstgesicht
das sie schon allzu lang getragen hatte
rief er laut: Helau, mein Kind
und traf sie auf dem Klo mit einem Schlag
Da lag sie nun, zehn Tage später
umringt von Feen und Leichenwasser
gefallenes Mädchen, ganz und gar im Tod versunken

 

2. Wohnungsauflösung
(Den Haag – Mariahoeve)

Ich logiere gegenüber
der tristesten Pizzeria der Welt
in einem flachgedrückten Viertel
das die Nachkriegszeit
hervorgeträumt hat – schweißbedeckt
Die Menschen: freundliche Puppen
die ihre bunten Puppenmahlzeiten
in den Mägen verbergen
Das Fernsehprogramm läuft rund
um die Uhr am Flachbild-Himmel
Man sieht ein graues Fernsehspiel

Ich logiere gegenüber
der tristesten Pizzeria der Welt
Selbst das Hundefleisch ist ausgegangen
und die Geheimbotschaften im Bierschaum
sind kaum noch lesbar
Die letzten Dohlen auf den Straßen
verstecken sich in den Pioniergehölzen
die von der Küste herangekrochen sind
In der Pizzeria werden die Gäste kalt

 

3. Dünung

Die Dünung war sechs Meter hoch
als meiner Mutter Asche meinem Bruder
um die blasse Nase wehte
Alle Matrosen sprachen holländisch
waren braungebrannt und freundlich
und die Dünung war acht Meter hoch
Silberne Fische lagen tot am Strand
und wir Brüder waren salzverkrustet
Im Umzugs-LKW am Hafenbeckenrand
schlief die Leoparden-Couch
und der barocke Schminktisch kicherte
Im Hafen dümpelten zwei Coca-Colaflaschen
und auch bräunliche Bananenschalen
aber keine noch so kleine Pepsiflasche
war dort weit und breit zu sehen
als wir Brüder mit dem Kutter
wieder festmachten
im bleigefüllten Hafenbecken
Die Dünung hinter uns: zehn Meter hoch

 

4. Landesbühne

Also wollte sie eine Künstlerin sein
und wollte Kunst machen an der
Landesbühne Lüneburg
Doch die wollte etwas für ihr Geld
drum verehelichte sie sich schnell
und kaufte Schinkenwurst für ihren Mann
im Kaufhaus Kerber in der Grapengießerstraße
Zwei Neugeborene spielten Maultrommel
Fiedel und auch Klangstäbe in ihrer
andauernden Kindheit in der sie
Elfen und auch Gnome sah im späten Licht
des neuen Siemens-Großkühlschranks
Und sie hüpfte noch ein bisschen über
die Seitenbühne der Landesbühne
während ihr Mann auf einer anderen
Haupt- und Landesbühne Kunst machte
am Abend mit den Schauspielschülerinnen
Und in der Küche wartete der Abwasch
und der gelbe Abwaschzuber und die
Prilblumen und auch die Sherryflaschen
Und die Kinder in den Kinderbetten
hatten böse Träume von dem Spargel
und den Schnitzeln und den
süßen kleinen Honigkuchen

 

5. Barke

Die Seele meiner Mutter fährt
in einem goldnen Wikingerschiff
über das Meer des Fernseh-Testbilds
hinein in das weiße Rauschen Gottes
In einem kleinen Wikingerschiff
das sie an einer Kette trug
einst in meiner Kindheit

Neben dem Siegelring meines Vaters
und der Photographie ihres Vaters
und dem Ölbild dessen Vaters
liegt das Schiff auf meinem Schreibtisch
neben Flusskieseln und Überraschungs-Ei-Figuren
neben den Anweisungen von Sartre und Camus
bezüglich der Einkleidung für den langen Tod

Und Asche wird nicht wieder auferstehen
in diesem atheistischen Kontinuum
Nur hinterm dritten Sterne rechts
wartet Captain Jean-Luc Picard
mit einem agnostischen Lächeln auf den Lippen
und sammelt ihre Seele ein

 

 

(Für Johanna-Maria Tielens, 1943 – 2007)

 

Florian Voß

 

 

 

 

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