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Telefonklingeln, nach dem dritten Mal abheben. Paula, 81, ist dran, 19.37 Uhr. Danke für die Karten, sagt sie, Karten, die ich gemacht habe, die genau das sollen: Danke sagen. Danke für eure Worte, euer Mitgefühl, euer Beileid. Eure Hilfe, die keine ist. Gestern war ein schlechter Tag, sagt sie. Das ist doch klar, sage ich, und kann mich selbst nicht hören. Gibt es überhaupt gute Tage, wenn jemand nicht mehr da ist, der Jahrzehnte jeden Tag da war? Der bis zuletzt freundlich war und zuvorkommend und ihr das Gefühl gegeben hat, seine große Liebe zu sein?

Weißt du, sagt sie, die Karten hätten ihm gefallen. Und dann erzählt sie eine der unendlichen Geschichten, von ihm und mit ihm. Ich habe seit seinem Tod vor nicht mal zwei Monaten mehr über diesen Mann erfahren als in der ganzen Zeit davor. Mich schmerzt der Verlust, obwohl er nicht mal zehn Jahre zu meiner Familie gehörte. Es fühlte sich mit ihm von Anfang an wie Familie an, was zeigt, wie wunderbar er war, dieser Mann, den ich gern Opa nannte. Meine leiblichen Großväter hatte ich nicht gekannt, gefühlt verlor ich mit ihm meinen ersten. Aber habe ich ihn überhaupt verloren? Eigentlich habe ich ihn gewonnen.

Mein »Opa« lässt mich an meine Oma denken. Ihr Todestag jährt sich jetzt zum sechsten Mal. Was wusste ich eigentlich von ihr? Dass sie leere Dosen über die Straße kickte und Schalke 04 mochte, dass sie sich als Kind die langen Zöpfe am Gitterbett festband.

Aber:

Was beeindruckte sie?

Was mochte sie?

Was war ihr zuwider?

Warum komme ich jetzt erst darauf, mich das zu fragen? Nachdem ich 30 Jahre Zeit dazu hatte. Aber so ist es wohl, man verlässt sich aufs »ach, irgendwann«.

Plötzlich das Telefonklingeln, dieser Anruf, ich bin’s, Mama. Oma ist tot. Was? rief ich, Nein! rief ich. Das geht nicht. Nicht jetzt. Nicht jetzt!

Ich weiß nicht, warum ich »nicht jetzt« sagte, warum ich so forderte und bettelte. Nicht jetzt, nur noch ein bisschen, bitte.

Was mich wirklich tröstet, mehr als jede andere Erinnerung und jedes Wort, ist das letzte Gespräch mit Oma. Telefonklingeln, ich bin’s, Oma. Weißt du, sagte sie, es ist schön, dass du gestern angerufen hast. Ich hab dich richtig lieb. –

Immer noch am Telefon mit Paula, es ist so schwer, sagt sie. Er wollte nicht 90 werden, tja, das hat er ja hinbekommen, der Sturkopf. Der Kopf macht viel aus, sage ich. Und dann? Auflegen.

Durchatmen. Aufleben. Den Moment genießen, das »ach, irgendwann« zum »jetzt und hier« machen. Ich habe mein Leben richtig lieb. Das sagen können.

 

Sandra Walzer

 

 

 

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