Scott – Ein Text zur Gastfreundschaft von Christiane Frohmann

Scott hatte sich freiwillig gemeldet, um der deutschen Austauschstudentin das Leben in New Haven, Conneticut, sowie US-amerikanische Gepflogenheiten näherzubringen, und das tat er. Wir besuchten eine Country Fair – eine Art Landwirtschaftsausstellung mit Lumberjack Games (Holzfällerwettkämpfen), Monstertrucks und Rummel –, fuhren kurz vor Halloween zu einer Pumpkin Farm, wo ich ekstatisch auf einem Kürbisfeld herumsprang; wir erkundeten Orte, die East Berlin und German Town hießen – was ich, coming from Berlin, Berlin, unglaublich witzig fand –, und an Thanks Giving lud Scott mich ein, gemeinsam mit ihm, seiner Frau Laura und dem Rest der Familie zu feiern. Wir aßen Roasted Turkey, Mashed Potatoes, Sweet Potatoes, Green Peas, Apple Pie, Pumpkin Pie, und ich probierte auch brav den Eggnogg, einen ekligen Eierpunsch. Etwa zehn Minuten nach dem letzten Bissen und dem darauf rituell folgenden Gezerre am Wishbone (= Wünschelknöchelchen, in dem Fall das Gabelbein des armen Truthahns) – ich »gewann«, vermutlich ließ man mich gewinnen –, schlief ich, wirklich wahr, carbkollabierend mitten im Gespräch im Sessel ein.

Dank Scott machte ich all diese »typisch amerikanischen« Sachen, über die man hier so gerne die Nase rümpft, Sachen, über die auch ich vermutlich bis heute die Nase rümpfen würde, hätte dieser nette Mensch mich nicht zwischendurch aus meiner Campus-Realität herausgefahren – mit einem SUV übrigens, ein Fahrzeugtyp, der in Deutschland damals, Ende der 90er, außer bei der Forstarbeit, noch komplett ungebräuchlich war. Scott hat mit ein paar netten Aktionen dafür gesorgt, dass ich nie zum pauschalen USA-Hasser werden könnte und mich gleichzeitig implizit gelehrt, dass interkultureller Dialog wie von selbst funktioniert, wenn man gemeinsam schöne Erlebnisse hat.

Danke, Scott.

 

Fotos: (c) Christiane Frohmann

 

 

––– Christiane Frohmann ist Verlegerin bei Frohmann und Orbanism.

*

Mit #orbanismgastfreundschaft wollen wir vorsätzlich positive Bilder, Gedanken und Vorstellungen in die Welt und zum Zirkulieren bringen. Wir hoffen, es so für Menschen wieder plausibler zu machen, dass es zum Menschsein gehört, anderen Freundlichkeit entgegen zu bringen und ihnen in Notsituationen auch Schutz zu gewähren.

Wir laden euch herzlich ein, uns bis zum 5. April weitere Texte zum Thema selbst erlebte Gastfreundschaft (Umfang bis 3.000 Zeichen, kann aber auch ganz kurz sein) zu schicken, die wir bloggen und in einer Anthologie bei Orbanism Publishing veröffentlichen dürfen. Bitte Text mit Ein-Satz-Bio in der 3. Person, dazu optional Blog- oder anderer Projektlink, gern auch ein passendes Foto, bei dem ihr die Rechte besitzt, per Mail an Christiane Frohmann, cf AT orbanism DOT com, senden. Bei Formaten, die von uns verkauft werden – E-Book, bei großem Interesse auch Buch – geht der Autoranteil an ein gemeinnütziges Kulturaustauschprojekt. Wir möchten die Rechte an den Texten und ggf. Bildern nicht exklusiv, bitte achtet aber darauf, dass ihr weitere fremde Nutzer auf unser Nutzungsrecht hinweist. Bitte keine Texte unter Pseudonym einreichen.

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Hinterhand – ein Text zur Gastfreundschaft von Stefan Mesch

Ich hatte kein Geld für eine Wohnung; also zog ich nach dem Studium zurück zu meiner Mutter, aufs Land. Ich schrieb meine Diplomarbeit. Ich weiß nicht mehr, ob Jule sagte „Bei meinen Eltern ist auch Platz“, oder direkt „Falls es daheim nicht klappt: Du kannst bestimmt eine Weile in meinem alten Zimmer schreiben“ …

… doch das Wissen, dass ich eine Wahl habe, ein Notfall-Netz, half mir noch jahrelang.

Ich war nie wieder bei Jules Eltern – denn mit meiner Mutter lief es gut. Seit ich nach Berlin gezogen bin, stehen auch meine Kinder- und Arbeitszimmer wieder leer. „Braucht ihr einen Rückzugsort?“, frage ich regelmäßig auf Facebook.

Ich biete den konkreten Raum – für Aufenthalte, die aber nur selten jemand braucht. Weil alle selbst eigene Wohnungen haben, und alte Kinderzimmer bei den eigenen Eltern. Und ich biete etwas, das mir selbst immer half, Orte auszuhalten. Das Wissen: Falls etwas eskaliert, entgleist – wäre hier eine mögliche Zuflucht.

Wir alle haben diese Zimmer in der Hinterhand. Für Notfälle.

Jules Elternhaus gab mir Sicherheit. Und mein Elternhaus kann diese Sicherheit, diesen Rückhalt an andere Leute weitergeben.

 


Foto: (c) Stefan Mesch

 

––– Stefan Mesch studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, arbeitet heute als Literaturkritiker und freier Journalist für ZEIT Online, den Berliner Tagesspiegel und Deutschlandradio Kultur. Er bloggt und schreibt an Zimmer voller Freunde, seinem ersten Roman.

 

*


Mit #orbanismgastfreundschaft wollen wir vorsätzlich positive Bilder, Gedanken und Vorstellungen in die Welt und zum Zirkulieren bringen. Wir hoffen, es so für Menschen wieder plausibler zu machen, dass es zum Menschsein gehört, anderen Freundlichkeit entgegen zu bringen und ihnen in Notsituationen auch Schutz zu gewähren.

Wir laden euch herzlich ein, uns bis zum 5. April weitere Texte zum Thema selbst erlebte Gastfreundschaft (Umfang bis 3.000 Zeichen, kann aber auch ganz kurz sein) zu schicken, die wir bloggen und in einer Anthologie bei Orbanism Publishing veröffentlichen dürfen. Bitte Text mit Ein-Satz-Bio in der 3. Person, dazu optional Blog- oder anderer Projektlink, gern auch ein passendes Foto, bei dem ihr die Rechte besitzt, per Mail an Christiane Frohmann, cf AT orbanism DOT com, senden. Bei Formaten, die von uns verkauft werden – E-Book, bei großem Interesse auch Buch – geht der Autoranteil an ein gemeinnütziges Kulturaustauschprojekt. Wir möchten die Rechte an den Texten und ggf. Bildern nicht exklusiv, bitte achtet aber darauf, dass ihr weitere fremde Nutzer auf unser Nutzungsrecht hinweist.

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Volksküche K-Straße – ein Text zur Gastfreundschaft von Birte Förster

Wir waren noch neu in der Stadt, als mein Sohn mit Annettes Jungen Freundschaft schloss. Kurz darauf, es war ein kalter Märznachmittag, wartete sie am Kindergarten auf mich und fragte: „Wollt Ihr nicht mal vorbeikommen?“ Wir kamen und während nebenan die Star-Wars-Lego-Experten spielten, saßen wir zusammen, tranken Kaffee und erzählen vom Getrennt- und Alleinerziehendsein.

Unserem ersten Treffen sollten noch viele folgen. Zu zweit zu essen war dem Kind und mir zu langweilig und auch immer ein bisschen traurig. Das Gespräch verlief meist schleppend und darüber schwebte oft der Gedanke, wie es einmal anders gewesen und nun nicht mehr war. Zu viert war es lebendiger, schöner, lustiger. Unsere gemeinsamen Abende waren etwas Neues, Regelmäßiges im Chaos der Umstellung. Es tat gut, dass jemand für uns kochte und es war auch schön, die beiden zu uns einzuladen. Beim Wein nach dem Essen, über Jahre immer montags, redeten wir über den Ärger in der Grundschule, die Ex- und die neuen Männer, über Politik und Feminismus, über unsere Mütter. Weil Annette so viel öfter kochte als ich, nannten wir diese Institution bald „Volksküche K-Straße“. Ich wünsche sie allen, die einen Neuanfang machen. Annette und ihr Sohn haben ganz nebenbei dieses Darmstadt für uns zu einem Zuhause gemacht.

Das ist jetzt sieben Jahre her. Aus dem Angebot von Gastfreundschaft, aus der schlichten Frage „Wollt Ihr nicht mal vorbeikommen?“ ist Freundschaft, Zuspruch, Gesehenwerden, Ankommen geworden. Und das ist Glück.

 


Foto: (c) Birte Förster

 

Birte Förster ist Historikerin und lebt in Darmstadt, 2015 hat sie den Blog gefluechtet.de mitbegründet.

 

*


Mit #orbanismgastfreundschaft wollen wir vorsätzlich positive Bilder, Gedanken und Vorstellungen in die Welt und zum Zirkulieren bringen. Wir hoffen, es so für Menschen wieder plausibler zu machen, dass es zum Menschsein gehört, anderen Freundlichkeit entgegen zu bringen und ihnen in Notsituationen auch Schutz zu gewähren.

Wir laden euch herzlich ein, uns bis zum 5. April weitere Texte zum Thema selbst erlebte Gastfreundschaft (Umfang bis 3.000 Zeichen, kann aber auch ganz kurz sein) zu schicken, die wir bloggen und in einer Anthologie bei Orbanism Publishing veröffentlichen dürfen. Bitte Text mit Ein-Satz-Bio in der 3. Person, dazu optional Blog- oder anderer Projektlink, gern auch ein passendes Foto, bei dem ihr die Rechte besitzt, per Mail an Christiane Frohmann, cf AT orbanism DOT com, senden. Bei Formaten, die von uns verkauft werden – E-Book, bei großem Interesse auch Buch – geht der Autoranteil an ein gemeinnütziges Kulturaustauschprojekt. Wir möchten die Rechte an den Texten und ggf. Bildern nicht exklusiv, bitte achtet aber darauf, dass ihr weitere fremde Nutzer auf unser Nutzungsrecht hinweist.

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Event-Anekdoten: Publishingberatung im Taxi

Nach der Veranstaltung, kurz vor Mitternacht, im Taxi von Mitte nach Pankow. Ich bin müde und freue mich darauf, beim Fahren einfach nur stumm dazusitzen und aus dem Fenster auf die Stadt zu sehen.

Wo ich war, fragt der Taxifahrer, und, was ich so mache, Verlegerin, ah, schöner Beruf, zufällig schreibe er auch gerade an einem Buch. Jackpot, denke ich, innerlich seufzend, denn „zufällig“ ist er nicht der erste Taxifahrer, der ein Buch schreibt und mir davon erzählt. Verlegerinnen, scheinen viele Menschen zu denken, interessieren sich 24/7 für Buchprojekte, brennend, ganz egal, worum es geht; sie ticken da ganz ähnlich wie Ärzte, die selbst auf Partys liebend gern spontane Gratisdiagnosen stellen.

Mich in mein Schicksal fügend, erkläre ich dem Taxifahrer das Konzept Selfpublishing, also, wie er sich als Autor kostengünstig selbst verlegen kann. Ich sehe ihm dabei an der Nasenspitze an, jedes einzelne Mal, wenn er sich alle paar Sekunden beim Fahren zu mir umdreht, dass er weiterhin hofft, ich möge leicht verspätet sagen: „Hey, das ist ja ein Zufall! Veröffentlichen Sie Ihr Buch doch bei mir.“ Ich aber bin Taxipublishingberatungs-Survivalexpertin und tue den Teufel, stelle auch die Gralsfrage aka Büchse der Pandora  „Worum geht es in Ihrem Buch?“ nicht.

Als ich aussteige, habe ich gut 20 Euro bezahlt und Consultingleistungen im Wert von locker 500 Euro erbracht. „Vielleicht können Sie ja einfach mal Ihre Karte dalassen“, höre ich es hinter mir rufen. Ich lächle. „Oh, so etwas habe ich als Digitalverlegerin leider gar nicht.“ Es ist zum Glück die Wahrheit.

 

Christiane Frohmann

Merken

Schreibszene live

schreibszene-frankfurtWer an einem Forschungskolleg arbeitet, das „Schreibszene Frankfurt“ heißt, und sich den großspurigen Untertitel „Poetik, Publizistik und Performanz von Gegenwartsliteratur“ ans Knie genagelt hat, erntet oft fragende Blicke: Was ist das? Was will es? Und – wozu?

Wir, die „Schreibszene Frankfurt“, das sind acht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ganz unterschiedlichen Hintergründen: nationalphilologischen, komparatistischen, kulturwissenschaftlichen, soziologischen und ethnologischen. Die ominöse „Schreibszene“ steht uns dabei nicht nur im Namen. Auch auf dem Orbanism Space 2016 wollen wir eine solche „Schreibszene“ installieren.

Das Konzept der „Schreibszene“ formulierte die Schweizer Forschungsgruppe um Martin Stingelin, Davide Giuriato und Sandro Zanetti in Anlehnung an Rüdiger Campe. Damit sollten die Begleitumstände der Literaturproduktion erfasst werden. Die „Schreibszene“ bezeichnet dabei eine historisch und kulturell variable Situation, mit der das Schreibwerkzeug und die Materialität, die Körperlichkeit, Medialität und Thematisierung von literarischen, aber auch nichtliterarischen Schreibakten enggeführt werden. Also nicht nur: WER schreibt? WIE schreibt jemand? Sondern auch: WO schreibt er? Und: WOMIT? Alle technisch-instrumentelle, körperlich-gestische sowie sprachlich-semantische Faktoren, die auf die Textentstehung einwirken, bilden ein rahmendes Ensemble, sie bilden eine Szene – eben die „Schreibszene“. Wir glauben, dass so eine „Schreibszene“ eine dichte Beschreibung liefern kann vom literarischen Feld unserer Gegenwart. Texte betrachten wir nicht als Produkt eines Schöpfungsaktes des Autorgenies. Texte sind für uns das Ergebnis einer Interaktion zwischen Schreibendem, Schreibmaterial und Schreibbedingungen. Diese Interaktion findet statt, sie ist beobachtbar und ist beschreibbar.

Verschiedene Akteure des Literaturbetriebs haben wir eingeladen, sich an unseren individualisierbaren Schreibtisch zu setzen und so eine „Schreibszene“ vorzuführen. Sie sollen ihre Beobachtungen zur Buchmesse aufschreiben. Anhand eines systematisierenden Beobachtungsrasters werden wir als Beobachter 2. Ordnung dann diese Akteure, die Beobachter 1. Ordnung, beim Schreiben beobachten.

Indem sich nicht nur Autoren wie Philipp Winkler, sondern auch MERKUR-Redakteur Ekkehard Knörer, Hanser-Lektor Florian Kessler und freie Literaturkritiker wie Stefan Mesch an unseren Schreibtisch setzen, wird unsere Schreibszene auch zur Literaturbetriebs-Szene. Betriebliche und institutionelle Faktoren treten zum privaten Akt des Aufschreibens hinzu – und rahmen ihn. Denn gerade auf der Frankfurter Buchmesse aktualisiert sich ja der Diskurs über Gegenwartsliteratur als Ereignis. Wir beziehen die zahlreichen Schreibszenen also auch auf einen konkreten sozialen Schauplatz, an dem sich vielfältige Produktions- und Rezeptionssituationen von Gegenwartsliteratur überlagern. Wir fragen: Wie interagiert auf der Frankfurter Buchmesse Kreativität mit Betrieb, Konjunktur und Kritik? Und wenn sich auch WissenschaftlerInnen wie die Soziologin Carolin Amlinger oder der Literaturwissenschaftler David-Christopher Assmann an unseren Schreibtisch setzten, fragen wir: Wie positioniert sich die Wissenschaft in dieser Gegenwart?

Bei uns gibt es also nicht nur „Schreibzene“ live, wir machen auch Forschung live. Alle Prozesse werden von Mittwoch bis Freitag nicht nur vor Ort, sondern auch auf unserem Blog und unserem Twitter-Account einsehbar sein. Die „Schreibszene live“ ist ein großes Experiment, sie ist Feldforschung. Sie fragt danach, welche Produktionsästhetiken die Frankfurter Buchmesse hervorbringt. Damit soll zumindest ein Teil des literarischen Feldes der Gegenwart als gemischtes und bewegliches Ensemble von Akteuren, Praktiken, Routinen und Verfahren abgebildet werden – ohne ihm seine Komplexität und Dynamik zu rauben.

„Poetik, Publizistik und Performanz von Gegenwartsliteratur untersuchen heißt, sich dem Sozialen aussetzen, mit offenem Visier. An der Ecke stehen und auf gar nichts warten, mitmachen und hingehen. Poetik, Publizistik und Performanz von Gegenwartsliteratur heißt weg vom Schreibtisch – und dahin zurück.“ So hat Hanna Engelmeier mal beschrieben, was wir tun. Trifft’s ziemlich gut. Wer sich das anschauen, wer das kommentieren oder hinterfragen will, über den freuen wir uns von Mittwoch bis Freitag jeweils von 10 bis 18 Uhr auf dem Orbanism Space 2016 oder im Internet bei unserer „Schreibszene live“!

Miriam Zeh für die „Schreibszene Frankfurt“

Liebe ist uncool

herzlogo»Warum habt ihr ausgerechnet Liebe als Thema für das Orbanism Festival gewählt?«, wurden Leander Wattig und ich 2015 ziemlich häufig gefragt. – Falling in love, sich verlieben, #fil15, das ist doch kein Thema für Berlin, bitteschön, da kommt doch kein einziger Startup-Hipster hin …

Das Schlechte an <3-Themen ist, dass die eigene Filterblase so was absolut uncool findet, denn niemand ist gern die, die jetzt emo ist.

Das Gute an <3-Themen ist, dass die eigene Filterblase so was absolut uncool findet, denn manchmal möchte man ausdrücklich nicht mit den üblichen Verdächtigen sprechen.

Letzteres gilt immer dann, wenn es um gesellschaftliche Veränderung geht. Beim Urheberrecht geht es ja auch nur auf den ersten Blick um ästhetische und nicht um gesellschaftliche Fragen. Tatsächlich aber sind mittlerweile fast alle Menschen künstlerisch tätig, ob sie es wissen oder nicht. Jede Person, die Inhalte im Netz teilt, setzt sich damit ins Verhältnis zum Urheberrecht. Dafür wollten wir mit unserem Remixfestival ein Gefühl schaffen. Auch für die Möglichkeiten, die in diesen neuen zugänglichen Publishingstrukturen liegen.

Nun hätte aber die Aufforderung »Hey, denkt mal gemeinsam mit uns übers Urheberrecht nach: Diskussionsbefehl!« ungefähr so viel Begeisterung hervorgerufen wie eine Facebookwerbung oder ein gesponserter Tweet. Man kann Menschen nicht für etwas zwangsinteressieren. Was man aber kann, ist, Menschen in Situationen zu versetzen, die entsprechendes Interesse in ihnen wachrufen. Ich nenne dies »performative Aufklärung«.

Wer es ernst meint mit dem Vorsatz, alle ansprechen zu wollen, muss sich erst einmal von Konzepten wie ›cool‹ oder ›intellektuell‹ verabschieden, denn diese sind ex-, nicht inklusiv. Wer breitenwirksam etwas in Gang bringen und verändern will, muss zugänglich wirken. Dies darf man nicht mit Populismus verwechseln, denn es geht nicht darum, Sachlagen zu verkürzen, sondern darum, Menschen ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen. Diese Erfahrungen können dann in gute, schlechte oder gemischte Gefühle münden, was in jedem Fall besser ist als die gegenstandslose Angst, die auf fehlender Erfahrung und Vorurteilen beruht.

Für das Orbanism Festival, bei dem man, statt zu diskutieren, Kreativität, Teilen und Urheberrecht am eigenen Leib erfahren sollte, suchten wir das zugänglichste Thema überhaupt und kamen auf Liebe: Jede*r verbindet mit Liebe etwas, es muss ja nichts mit Herzklopfen und Schmetterlingen im Bauch sein.

Außerdem ist Liebe absolut uncool. Perfekt.

Ist man erst mal programmatisch auf Liebe eingestellt und damit offiziell uncool, wird alles ganz einfach. Man lässt Fünfe gerade sein, die Ironie stecken und freut sich auch über Festivaleinreichungen, bei denen man sonst die Augen verdrehen würde. Weil man wirklich vom hohen Ross runtergestiegen ist und Kontexte geschaffen hat, in denen man jenseits von Marketinggeseier »auf Augenhöhe« unterwegs ist.

Ich glaube, so ähnlich geht es auch Menschen, die Liebesromane schreiben … Menschen, die Cover für Liebesromane gestalten … Menschen, die Liebesromane verlegen … Menschen, die Liebesromane in Buchhandlungen verkaufen … Menschen, die Liebesromane lesen. Die sind absolut uncool. Aber sie haben Spaß, bilden riesige Communitys mit supernetten Leuten und – du musst jetzt tapfer sein, Filterblase – sie verdienen auch noch richtig Geld mit ihrer Arbeit. Halten wir deshalb einfach mal fest: Das gute Buch ist in den Augen der meisten Menschen nicht dasjenige, was den Buchpreis gewinnt.

Gut, dass die Herzenstage auf der #fbm16 zeigen werden, wie schön und groß uncool ist. Meine Hoffnung ist, dass irgendwann alle verstehen, dass sich die ganze Frankfurter Buchmesse als so etwas wie die Herzenstage der Literatur betrachten lässt. Im Orbanism Space trifft man deshalb auch das Goethe-Institut UND die Herzenstage.

Übrigens: Fast alle Buchmenschen sind emo, und die wenigen Ausnahmen könnten auch genauso gut mit Autos handeln.

Seid doch lieber alle zusammen gegen die YouTuber. Oder seid mal gar nicht gegen jemanden oder etwas. Macht euch locker, gönnt euch und lasst den anderen ihr Ding. Dann klappt es auch mit der Zukunft.

ORBANISM-Moment mit Katja Böhne

In kurzen Interviews fragen wir Menschen, denen wir gern zuhören, an welche gelungenen Veranstaltungen sie sich erinnern und was diese ausgemacht hat. Unseren heutigen ORBANISM-Moment verbringen wir mit Katja Böhne, Leitung Marketing & Kommunikation bei der Frankfurter Buchmesse.

Privatpartys
Unsere Hochzeit. Wir hatten eine Country-Kapelle engagiert, deren Sänger und Banjospieler totalen Liebeskummer hatte. Er sang so herzzerreißend und der Rhythmus war so schnell und pulsierend, dass wirklich keiner auf seinem Stuhl sitzen blieb

Der 28. Geburtstag eines Freundes, der immer schon sehr speziell war. Eine Spezialität war seine glühende Liebe zur Rocky Horror Picture Show, eine andere, dass es eigentlich sein 7. Geburtstag war (weil 29. Februar). Irgendwann hat er seinen Traum dann wahr gemacht und wir haben in einer schloss-ähnlichen Location in Tübingen eine Rocky-Horror-Verkleidungsparty gefeiert.

Die Überraschungsparty für meinen Mann. Die Kinder haben so getan, als wär ihnen schlecht, also saßen mein Liebster und ich auf dem Sofa und er war traurig, dass wir nicht ausgegangen sind. Um Punkt halb neun klingelten rund 20 Gäste, die ich erst eine Woche zuvor überhaupt informiert hatte. Es gab Tanz im Wohnzimmer. Sehr lustig.

Meine Geburtstagspartys im April sind immer toll, weil alle Menschen Tulpen mitbringen und die Bude dann nach dem langen Winter so bunt und hoffnungsfroh aussieht. – Bei meiner letzten Geburtstagsfeier habe ich mich und die Kinder selbst überlistet. Normalerweise hasse ich Buffet-Vorbereitungen, aber dieses Mal war die Idee, lauter Nahrungsmittel aufzutischen, die in Sci-Fi-Filmen und -Büchern vorkommen. Die Vorbereitung war ebenso lustig wie der Abend, Highlight waren die Stormtrooper aus Marshmellows.

KatjaBöhne3

Familienfeier
Bisschen makaber, die Geschichte. Meine Schwester feierte ihren Geburtstag in einer Ferme-Auberge in den Vogesen und hatte die nahen Verwandten eingeladen. Der Besitzer des Gasthofs hatte diesen gerade übernommen, die Party sollte die Premiere für sein Veranstaltungsangebot werden. Leider verhakte er gleich zu Beginn seinen Finger in der großen Spülmaschine und konnte ihn nicht mehr herausziehen. Den Rücken zum Publikum sprang er die ganze Zeit vor der Maschine hin und her und befehligte seine Küchenmannschaft mit Essens- und Getränkeaufträgen. Irgendwann kam dann auch die Feuerwehr die Serpentinen heraufgeschraubt, schickte uns alle aus der Gaststube und fräste den Mann aus der Spülmaschine heraus. Er wurde ins Krankenhaus gebracht, dort legte man ihm einen Verband an, sodass er rechtzeitig zum Nachtisch-Befehligen wieder oben ankam. Wir haben dann noch viel gesungen (mein Mann und mein Schwager spielen hervorragend Gitarre und haben immer Liederbücher für alle dabei). Später musste dem Wirt der halbe Finger amputiert werden. Immer, wenn meine Schwester jetzt dort vorbeischaut, erinnern sie sich gemeinsam an das Fest. – Ansonsten gelingen Familienfeiern bei uns nicht so gut.

Konzert
In den 90ern habe ich in Amsterdam mit einer Freundin ein Fest namens Parade entdeckt. Die Idee dahinter bestand aus lauter kleinen Indie-Theaterproduktionen, die ca. 30-minütige Stücke in ihren eigens dafür entworfenen Bauten aufführten. Die Gruppen versuchten jeweils, den anderen die Zuschauer abspenstig zu machen, sodass ein irres und fröhliches Geschrei über das Gelände schallte. Ich erinnere mich an ein »Theaterhaus« in Form einer Ritterburg, das komplett aus Strohballen bestand. Toll war auch das Restaurant, das in einem Riesenrad untergebracht war. Immer wenn man unten vorbeikam, wurde einem das Essen in die Gondel geschleudert.

Branchenveranstaltung
Boah. Einmal auf der Versammlung der AG Publikumsverlage trat der Gründer der Waldvierter Werkstätten, Heini Staudinger, auf, führte uns ein in seine Philosophie (»geh, scheiß di net ao«) und animierte uns alle zum Singen.

Konferenz
Der Web Summit in Dublin war toll. 10.000 gut gelaunte junge Leute, die erst am Anfang mit ihrem Geschäft, aber völlig sicher waren, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Die Elevator Pitches, die an allen Ecken und Enden zu den nischenhaftesten Produkten abgehalten wurden, fand ich spitze.

Fotos: privat

Merken

Merken

Was Dada mit unserem Konzept der Orbanism Spaces zu tun hat?

Auf der Re:publica habe ich letzte Woche einen Vortrag zu »Datendada: Gutes Nerven, schlechtes Nerven« gehalten. Es geht darin um die subversive Kraft digitaler Literatur, aber auch darum, wie man zu den lebendigen Freiräumen im Netz gelangt.

Dada nervtWer nicht dabei war, kann jetzt den Podcast vom Vortrag anhören, den Voicerepublic produziert haben. Nachfolgend dazu die PDF mit der Präsentation: ChristianeFrohmann_Datendada_rpTEN_20160504

 

ORBANISM-MOMENT MIT TANJA KOLLODZIEYSKI

In kurzen Interviews fragen wir Menschen, denen wir gern zuhören, an welche gelungenen Veranstaltungen sie sich erinnern und was diese ausgemacht hat. Unseren heutigen Orbanism-Moment verbringen wir mit @RolliFraeulein Tanja Kollodzieyski.

Privatparty
Ich bin leider nicht oft auf Privatpartys, weil mein Bekanntenkreis meist nicht barrierefrei wohnt. Letztens habe ich aber spontan bei der Party meiner Nachbarin mitgefeiert. Wir haben irgendwann ein Fantasy-Rollenspiel gemacht, bei dem ein paar von uns als Bürger die anderen als Werwölfe gejagt haben. Sowas kannte ich bisher nur aus einschlägigen Nerd-Serien, hat Spaß gemacht!

Familienfeier
Oweia, Familienfeiern sind ein heißes Eisen. Die Silberhochzeit meiner Eltern war gut, weil es kein Programm gab. Es ging nur ums Zusammensein.

Konzert
Im letzten Sommer habe ich Farin Urlaub zum ersten Mal live erlebt. Das war besonders, weil Die Ärzte eine der wichtigsten Bands waren, die meine Teenagerzeit geprägt haben. Sie gehören zu den wenigen Bands, die mit mir erwachsen werden durften – sowas muss gefeiert werden!

Branchenveranstaltung
Ich erinnere mich immer noch gerne an die RuhrYork15, ein Startcamp rund um Social Media und Kultur. Es war so vielseitig, sowohl an Menschen und Themen, aber auch an Formaten, in denen wir zusammengearbeitet haben, dass das Wochenende viel zu schnell vorbei ging.

Konferenz
Definitiv die re:publica 2015! Es war meine zweite und so viel besser, weil ich mich bei der ersten noch etwas verloren gefühlt hatte. 2015 habe ich mit so vielen Leuten geplaudert, dass ich nicht alle ausgewählten Sessions besuchen konnte – so soll es sein.

11020245_10204214131332736_3892844961850595478_n

Mein re:publica15-Lächeln (Foto: Andi Weiland)