Interview: „Ich will die Strategie von Zeigen und Nichtzeigen begreifen“

Das Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) liegt im ehemaligen Güterbahnhof in Berlin-Moabit. In der Gemeinschaftsküche wird gerade Kaffee gekocht. Künstler und Kreative aus der ganzen Welt kommen dort zusammen. Einer der Fellows ist der syrische Künstler Khaled Barakeh. Zwischendurch telefoniert er mit den Projektmitarbeitern in Dubai, die grade seine Installation für die Atassi Foundation auf der Art Dubai aufbauen.

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Khaled Barakeh ist derzeit Fellow am ZK/U in Berlin.

 Interview und Foto: Michaela Maria Müller

Deine Arbeiten sind auf vielen Ebenen zugänglich. Sie gehen vom Menschen aus und sind zugleich auf einem hohen Reflexionsniveau.

Mir sind viele Zugänge wichtig. Nicht jeder muss alles verstehen, sollte aber einen Zugang finden können. Ich will nicht nur intellektuell sein. Auch weil ich die Welt der zeitgenössischen Kunst selbst kritisiere. Ich habe zwei Abschlüsse von Kunsthochschulen – aus Damaskus und der Frankfurter Städelschule – aber mir passiert es auch, dass ich in Ausstellungen bin, die Objekte ansehe, den Text dazu lese und sie trotzdem nicht verstehe.

Wie haben sich die Veränderungen der politischen Lage, später der Krieg in Deinem Heimatland Syrien auf Deine Arbeit ausgewirkt?

Schon vor der Revolution in Syrien haben mich diese Themen beschäftigt. Aber nicht in meiner künstlerischen Arbeit. Ich traf damals die Entscheidung, mich als Aktivist zu engagieren, um die Zivilgesellschaft und den demokratischen Wandel zu unterstützen.

Warum nicht als Künstler?

Ich wollte nicht das Label „syrischer Künstler“ bekommen. Erwartungen engen ein. Aber dann fühlte ich plötzlich doch die Notwendigkeit, mich damit künstlerisch auseinanderzusetzen.

Nun sind die Ereignisse und die Folgen doch Teil Deiner Arbeit geworden. Kannst Du ein Beispiel nennen?

Das Projekt „Trans-Migration“ etwa. Als ich vor einigen Jahren mit einer Freundin durch Kopenhagen ging, fielen mir unter einer Brücke Graffiti auf. Von einem war nur noch der Begriff „USA“ zu erkennen. Sie erklärte mir, dass der Slogan „USA ud a Vietnam“ ein Protest gegen den Vietnam-Krieg war: „USA raus Vietnam“. Zuerst wollte ich das Graffito nur als Streetart fortführen, bat die Freundin um einen Stift und rekonstruierte es an Ort und Stelle. Bevor ich Kopenhagen verließ, zog es mich doch zurück und ich fertigte eine Schablone an. Aber den Slogan an andere Wände zu sprühen, war mir zu einfach.

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Graffito „USA ud a Vietnam“ in Kopenhagen nach der Rekonstruktion/Khaled Barakeh

Deine Projekte entwickeln sich immer weiter.

Ja, so ist es. Meine Arbeiten sind nicht auf ein Ende angelegt. Sie wachsen weiter. Ich mag es, wenn die Entwicklung nicht aufhört. Sie verändern sich mit meinem Leben und begleiten mich. Ich vergleiche den Beginn eines Projekts mit der Geburt eines Kindes: Es kommt zur Welt und die Eltern habe keine Ahnung, was aus ihm wird. Sie wissen nur, dass es einmal sein eigenes Leben haben wird und müssen ihm deshalb die Freiheit geben, sich zu entwickeln. 

Wie ging es mit „Trans-Migration“ weiter?

Ich zog nach Frankfurt um. Bei einer Ausstellung verbanden wir die Orte mit einem Livestream: von Kopenhagen nach Frankfurt, und von Frankfurt nach Kopenhagen, eine Art „Real time wall“. Ich gab die Schablonen an befreundete Künstler, damit sie überall in der Welt neue Graffiti sprayten. Es ist jetzt in Afghanistan, Nigeria, Irak, Ägypten, dem Jemen und Palästina zu sehen. Dann dachte ich, das war’s. Aber es ging wieder weiter. Ich kopierte das komplette Kopenhagener Graffiti auf eine Mauer in Berlin, im Schöneberger Kunstraum District. Jetzt habe ich mit meiner Frankfurter Galerie überlegt, wie wir das Berliner Graffiti zeigen können. Ich hatte die Idee, es in eine Stickerei zu überführen. Auf meiner Reise durch Vietnam lernte ich Stickerinnen kennen, die solche Arbeiten anfertigen. Am liebsten würde ich das ganze Graffiti mit Wolle aus Dänemark maßstabsgetreu kopieren. Aber 11 mal 11 Meter sind wohl doch zu groß. Vielleicht wird das die letzte Stufe der Arbeit sein, vielleicht nicht.

Wir können nicht jedes Projekt besprechen. Gibt es eines, das Dich im Moment besonders beschäftigt?

Ja, „On the rope“, die Installation in meinem Frankfurter Studio. Als ich damit begann, hat sich vieles in meinem Leben geändert. Alles war unklar. Es gab es dort regelmäßig einen Tag der offenen Tür. Ich entschied mich dafür, das Studio so zu lassen wie es ist. Dafür hängte ich die Einrichtung an Drahtseilen auf. Alles. Wirklich alles. Das Bett, mein Fahrrad, die Schränke, den Computer. Ich lebte drei Monate in diesem schwebenden Studio. Alles hing an Seilen von der Decke hinunter, alles flog. Alles war in Unruhe und bewegte sich. Aber jeden Abend war es so, als ob mich meine Mutter wieder in den Armen hielte.

Eine verrückte Erfahrung.

Ich habe später das Angebot bekommen, diese Installation auch an anderen Orten zu machen. Ich habe abgelehnt, einfach weil es soviel Arbeit ist. Aber ich verband das schwebende Studio mit andern Künstlern: Zweimal lud ich Musiker ein, auf den Drahtseilen, die meine fliegenden Möbel hielten, zu spielen. Das taten sie dann mit den Bögen ihrer Saiteninstrumente.

Hast Du Dich in der Wohnsituation wohl gefühlt?

Ja, weil es grade meine innere Situation widergespiegelt hat. Innen und außen waren eins.

Gibt es noch ein Projekt?

Ja. Am 27. August 2015 veröffentlichte ich auf meiner Facebook-Seite sechs Bilder von Kindern, die auf der Überfahrt nach Europa ertrunken waren. Die Bilder stammten aus einer syrischen Facebook-Gruppe, in der man sich Hinweise auf Fluchtrouten und ähnliches gibt. Der Beitrag wurde 150.000-mal geteilt. Es war kurz bevor das Bild des ertrunkenen Jungen Aylan an die Öffentlichkeit kam. Ich erhielt hunderte Nachrichten und Emails, gute und böse, differenzierte und undifferenzierte. Zeitungen wandten sich an mich und wollten die Geschichte dahinter wissen. Ich konnte ihnen nur sagen, was ich wusste. Ich habe nun eine Vorstellung davon, wie es weitergehen wird.

Was denkst Du über die Installation des Künstlers Ai Weiwei am Konzerthaus in Berlin, für die er tausende Rettungswesten von geflohenen Menschen um die Säulen gebunden hat?

Eigentlich schätze ich die eine oder andere Arbeit. Aber in der Art und Weise wie er die Flüchtlingsfrage in seiner Arbeit behandelt, macht er große Fehler. Dass er wie der ertrunkene Junge Ayalan Kurdi am Strand posierte, finde ich gedankenlos und unachtsam. Vielleicht wollt er dem Thema größere Aufmerksamkeit geben. Das ist ihm nicht angemessen gelungen.

In der Arbeit „Untitled Images“ sieht man keine Opfer, Du hast sie herausgeschnitten. Man erkennt nur ihren weißen Umriss.

Ja, der Blick wird auf die Überlebenden gelenkt. Es ist aber auch eine Auseinandersetzung der Kriegsberichterstattung in den westlichen Medien. Man zeigt bestimmte Dinge nicht, was vollkommen gut und richtig ist. Aber wie kann sich eine öffentliche Meinung bilden, wenn man die Realität nicht zeigt? Jeder kennt das vietnamesische Mädchen, das nackt vor den Napalm-Bomben flieht. Ich wollte die Strategie von Zeigen und Nichtzeigen begreifen. 

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Untitled Images/Khaled Barakeh

Über Khaled Barakeh

Khaled Barakeh wurde 1976 in Damaskus/Syrien geboren. Er studierte in Damaskus und Odense/Dänemark Malerei. Er ist Meisterschüler des britischen Künstlers Simon Starling an der Frankfurter Städelschule. Seit Dezember ist er Fellow am Zentrum für Kunst und Urbanistik in Berlin. 

Khaled Barakehs Website

 

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