Interview: „Integration ist etwas, was auf beiden Seiten passieren muss“

Anna Dushime (26) wurde in Ruanda geboren. Im Alter von zehn Jahren kam sie mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern nach Deutschland. Ihren Vater verlor sie während des Genozids 1994. Anna Dushime studierte in den Niederlanden Marketing, arbeitete anschließend drei Jahre für ein Wissenschaftsportal. Seit 2015 ist sie als Redakteurin für BuzzFeed Deutschland tätig.

Anna Dushime profilfoto
Anna Dushime. Foto: privat

Im Gespräch mit Michaela Maria Müller

Eine Freundin, die seit vielen Jahren in Berlin lebt, stellte auf Facebook neulich die Frage, ob man sich als Berliner fühlte. Spontan dachte ich: Ja. Aber nur 20 Prozent. Wie würdest du das für dich definieren?

Vielleicht so: 55 Prozent Ruanda. Da sind meine Wurzeln. Mindestens einmal im Jahr fahre ich hin und sehe meine Familie. Dann 20 Prozent Neukirchen. Das ist eine kleine Stadt in Nordrhein-Westfalen an der Grenze zu den Niederlanden. Dort bin ich zur Schule gegangen und habe mein Abitur gemacht. Aber auch 20 Prozent Berlin. Die Stadt ist seit fünf Jahren mein Lebensmittelpunkt. Meine beiden Schwestern und meine Freunde leben hier. Und ich arbeite hier. Außerdem fünf Prozent Belgien: Dort leben viele Ruander und viele meiner Verwandten. Wenn ich Heimweh habe und es mir nicht leisten kann, nach Ruanda zu fliegen, fahre ich nach Belgien. Da lasse ich mir die Haare machen, gehe ruandisch essen, treffe meine Freunde und meine Familie. Belgien ist auch ein kleines Stück Heimat.

Deine Familie ist auf der ganzen Welt verteilt.

Ja. Wo sie leben und seit wann hängt eng mit der Geschichte Ruandas zusammen. In den Jahren 1952, 1959, 1963, 1990 gab es Ereignisse, auf die Auswanderungswellen folgten und schließlich der Genozid in 1994. Meine Verwandten leben seither in den USA, Belgien und Deutschland. Viele sind aber auch in Ruanda geblieben.

Du bist Teil der ruandischen Diaspora. Wenn du einmal im Jahr zurückkehrst, wie ist dein Blick auf das Land?

Ich liebe es wieder in Ruanda zu sein aber ich glaube, die Sehnsucht lässt mich meine Heimat ein Stück weit idealisieren.

Man begegnet in der Berichterstattung über Afrika häufig zwei Stereotypen. Einmal dem hilfsbedürftigen Afrika und der Erfolgsgeschichte. Weißt du, warum das so ist?

Das ist schwer zu beantworten. Vielleicht sind solche Vergleiche wie „ … ist wie die Schweiz Europas“ einfacher zu verdauen. Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie sagte einmal, dass wir Opfer von diesen Single Stories sind. Es gibt nur ein Narrativ über uns. Gerade da kommen Machtmechanismen zum Tragen: Ihr Europäer habt die Macht, weil ihr viele Narrative habt – und nicht nur die eine Single Story wie wir Afrikaner.

Naja, so geht es mir manchmal als Bayerin in Berlin auch. Da bekommt man gesagt, dass man Bier und Weißwürste mag und man eh katholisch sei – und das dann dies und das bedeute.

Ja, aber da sollte man unterscheiden zwischen Vereinfachungen, die man relativ schnell abbauen kann, wenn man die Person kennenlernt. Aber es gibt Stereotypen, die schädlich sind. Die dazu führen, dass jemand eine Wohnung oder einen Job nicht bekommt.

Hast du das erlebt?

Ja. Die Rollen sind noch immer klar verteilt. Erstmal ist es so: Ob ich ein Unternehmen leite, Bus fahre oder putze, sieht mir keiner an. Im Gegenteil. Bei mir wird aber eher angenommen, dass ich putze oder Klofrau bin. Das ist mir tatsächlich mal passiert. In einem Club in Düsseldorf. Da habe ich mich geschminkt, bin rausgegangen, und habe auf meine Freunde gewartet, zufällig neben dem Tisch mit der Untertasse. Plötzlich kam jemand und hat Geld reingelegt – und hat mir auf die Schulter geklopft. Ich habe das erst gar nicht verstanden und dann – ah! Ach so.

Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung, bei der du gesagt hast, dass deine Mutter euch als Kinder gesagt hat, dass ihr euch immer ein bisschen mehr als andere anstrengen müsst. Da habe ich noch viel darüber nachgedacht. Wie hast du das als Kind wahrgenommen?

Dazu muss man sagen, dass meine Mutter Tutsi ist. Sie ist als Tutsi aufgewachsen in einer Welt, in der lange Hutu regierten. Sie musste also immer schon extraviel machen, damit sie auf eine weiterführende Schule gekommen ist. Mein Vater musste, glaube ich, die sechste Klasse der Grundschule fünfmal wiederholen bis er einen Platz an der Sekundarschule bekam. Das sind fünf verschwendete Jahre. Sie waren also beide schon trainiert darin, dass man viel geben muss, bis man überhaupt nur annährend so gesehen wird, wie die anderen, die eigentlich nur durchschnittliche Leistungen bringen. Ich war eigentlich immer gut in der Schule und wahrscheinlich ein langweiliges Kind. Lust, dumme Sachen anzustellen, hatte ich auch nicht. So war ich viel zu Hause und bin zur Schule gegangen.

Es geht noch immer um Stereotype …

Ja. Meine Mutter hat das, glaube ich, nur einmal gesagt. Und das ist mir so krass in Erinnerung geblieben. Viele Leute haben sie oft gefragt: Wie schaffst du das, dass deine Kinder so gut in der Schule sind? Sie haben keinen Vater und du arbeitest Vollzeit. Wir sind das gewöhnt gewesen: Dass andere Menschen auf einen schauen wegen etwas, auf das man keinen Einfluss hat – zum Beispiel, dass mein Vater tot ist und meine Mutter Witwe. Und dass sie deshalb annehmen, dass wir schlechtere Schüler oder Kinder sein müssten. Das hat für mich aber keinen Sinn ergeben. Und ein paar Jahre später, als wir in Deutschland angekommen waren, passierte es wieder. Die Annahme, dass wir schlechter sein müssten, weil wir schwarz sind. Ich dachte immer, man wird ja an seinen Leistungen gemessen. Als meine Mutter dann gesagt hat, dass wir mehr Gas als andere geben müssen, war das nicht schockierend, oder so.

Du findest es nicht ungerecht?

Natürlich ist es ungerecht. Das System ist ungerecht. Aber nicht die Aussage an sich. Es ist ungerecht, dass manche Leute sich doppelt so viel anstrengen müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Damit sie auf der gleichen Startlinie wie die anderen starten dürfen.

Was ist ideale Integration für dich? Es gibt bestimmt Experten, die das auf ihrer Visitenkarte stehen haben. Aber es ist auch eine Frage, die man für sich beantworten sollte.

Integration ist etwas, was auf beiden Seiten passieren muss. Sie wird immer so verstanden, als ob eine Seite eine Bringschuld hat. Das glaube ich nicht. Ich muss ja gewillt sein, dass ich jemand auf lange Sicht akzeptiere. Meine Analogie ist die: Man lebt zusammen in einem Haus. Jeder kauft sein Zeug ein und kocht. Aber man muss sich ja auch gegenseitig respektieren. Wenn mein Mitbewohner etwas im Kühlschrank hat, was ich noch nie gekocht habe, darf ich nicht denken, dass mein Käse, der schon länger im Kühlschrank ist, besser ist als sein Fleisch. Wenn wir gesagt haben, wir wohnen zusammen, gehört dazu zu fragen: Was ist denn das für ein Fleisch? Das heißt, sich darauf einlassen. Fragen stellen. Und auch, dass er mal Fragen stellt. Für mich ist ideale Integration, wenn zwei Mitbewohner auf Augenhöhe miteinander umgehen.

Mir kommen grade viele Airbnb-Erlebnisse wieder in den Sinn. Man schaut sich an, wie die anderen leben. Man fragt, wo man sein mitgebrachtes Essen deponieren darf und sagt: Ich hab meins ins mittlere Fach rechts oben in den Kühlschrank gelegt, da war noch ein Platz frei.

So ist das aber, das Gefühl nur Gastrecht in Deutschland zu haben. Dass man immer ganz vorsichtig sein muss. Bloß nicht auffallen. Nicht zu laut im Bus zu telefonieren. Nicht zu laut lachen. Vor allem nicht, wenn man in einer großen Gruppe in der Kneipe ist. Solche Sachen. Das ist aber nicht cool. Wenn man sagt: Deutschland ist ein Einwanderungsland und die Leute sollen dazugehören, muss man das zulassen. Dann muss man sich auch öffnen und ist ein bisschen verletzlicher.

Als wir uns über Stereotype unterhielten, erwähnte Anna Dushime, dass Channels wie YouTube dazu beitragen, die Narrative zu verändern und eigene zu prägen. Ihre beiden Schwestern produzieren die Webserie „Polyglot“. Darin geht es um die junge Dichterin und Rapperin Babiche Papaya, die beim Beginn ihres Berliner Lebens begleitet wird.

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