HospitalityClub.org – ein Text zur Gastfreundschaft von Hannes Bajohr

 

Gastfreundschaft: direkt, unmittelbar, persönlich, warm, also gerade nicht das, was man mit der angeblichen Distanz des Digitalen in Verbindung bringt. Aber durch das Digitale kann Gastfreundschaft sich noch erweitern, geradezu auf Turbo schalten, ohne dadurch weniger direkt, unmittelbar, etc. zu sein. Die Momente der Gastfreundschaft, an die ich mich am liebsten erinnere, stammen aus der Prä-Airbnb-Ära, als ein Club von Enthusiasten im Internet noch das große Verbindungs- und noch nicht das große Vermarktungsmedium sah und eine Seite aufmachte, die Gastfreundschaft im Titel trug. Hospitalityclub.org war eine Plattform, auf der Fremde einander Türen öffneten und Bettsofas ausklappten, kostenlos und aus der reinen Freude am Kennenlernen neuer Leute heraus, oder einer Ethik der Gegenseitigkeit folgend, in der Hoffnung, selbst auch einmal aufgenommen zu werden, wenn es drauf ankäme.

Als ich 2006 mit einem Freund durch Russland und Asien reiste, griffen wir öfter auf die Seite zurück, um Logis und Kontakt zu Einheimischen zu finden. In Wladiwostok aus der Transsib ausgestiegen, gegen zwei Uhr nachts, gingen wir stracks ins Internetcafé (denn webfähige Smartphones waren damals noch reine Futuristik), um ohne allzu große Hoffnung nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu suchen, die sich aber prompt auftat: Ohne zu zögern, wurde uns eine Adresse mitgeteilt, die sich als Plattenbau herausstellte, baugleich mit jenem, in dem wir bereits in Riga zu Beginn unserer Reise genächtigt hatten. Wort- und anstandslos breitete man uns Sofakissen auf dem Boden der Dreizimmerwohnung aus, stumm, um die Eltern und den Bruder nicht zu wecken. Morgens bekamen wir ein Frühstück und beste Wünsche für die Weiterreise.

Manchmal hatten wir auch die Chance, unseren Aufenthalt zu vergelten, wie eine Woche zuvor, in Irkutsk, wo wir bei Vera blieben, die eine Hütte am Hang des Flusses Angara bewohnte. Als wir eintrafen, drückte sie uns Schrubber und Wassereimer in die Hand, zum Verandaputzen, während sie, ganz Selbstversorgerin, aus dem Gartengemüse Borscht bereitete. Von Vera erfuhren wir viel über die Stadt und die steigenden Grundstückspreise, die Immobiliengauner dazu veranlasste, die denkmalgeschützten traditionellen Holzhäuser anzuzünden. Sie empfahl uns auch den Wanderweg am Baikal entlang und lieh uns ein Zelt dazu. An Vera und ihre Hütte am Fluss denke ich immer noch. Später habe ich sie in einer Erzählung verarbeitet, Vera als Hauptfigur, auch wenn mich dabei das Gefühl überbeanspruchter Vertraulichkeit beschlich. Aber Vera, hoffe ich, hätte auch dies noch unter der Gastfreundschaft verbucht, die sie so selbstverständlich verkörperte. Sie arbeite, nebenbei gesagt, als Programmiererin.

 

Foto: (c) Hannes Bajohr

 

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Hannes Bajohr schreibt Theorie und, zusammen mit Gregor Weichbrodt, digitale Literatur im Textkollektiv 0x0a (0x0a.li). | hannesbajohr.de

 

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Mit #orbanismgastfreundschaft, einem Blog- und Gratis-E-Book-Projekt wollen wir vorsätzlich positive Bilder, Gedanken und Vorstellungen in die Welt und zum Zirkulieren bringen. Wir hoffen, es so wieder plausibler zu machen, dass es zum Menschsein gehört, anderen Freundlichkeit entgegen zu bringen und ihnen in Notsituationen auch Schutz zu gewähren.

Wir laden euch herzlich ein, uns weitere Texte zum Thema selbst erlebte Gastfreundschaft (Umfang bis 3.000 Zeichen, kann aber auch ganz kurz sein) zu schicken, die wir bloggen und in einer versionierten E-Book-Anthologie bei Orbanism Publishing veröffentlichen dürfen. Wenn Letzteres, etwa aufgrund von Buchverträgen, nicht möglich ist, können wir Texte gern auch nur bloggen. Bitte Text mit Ein-Satz-Bio in der 3. Person, dazu optional ein Link zu eigenem Herzensprojekt, gern auch ein thematisch passendes Foto sowie ein Bild, das euch selbst zeigt (bitte nur Bilder, bei denen ihr die Rechte besitzt) , per Mail an Christiane Frohmann, cf AT orbanism DOT com, senden. – Wir möchten die Rechte an den Texten und ggf. Bildern nicht exklusiv, bitte achtet aber darauf, dass ihr spätere Nutzer auf unser Nutzungsrecht hinweist. Bitte bei diesem Projekt, weil es um persönliche Haltung geht, keine Texte unter Pseudonym einreichen.

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