Dabeisein – ein Text zur Gastfreundschaft von Ekkehard Knörer

 

Ich liebe es, in fremden Städten bei befreundeten Familie unterzukommen, Paaren mit ein, zwei, drei Kindern. Denn ist die Freundin, der Freund allein, macht man Sachen so jetzt nur mit dem anderen, zu zweit – Tun und Lassen in der Form des Füreinander. Auch das ist schön, aber es gleicht anderen Verabredungen: Man nimmt sich Zeit füreinander und tut Dinge zu zweit. Paare als Eltern hingegen können kaum anders, als ihr Leben, wie es ist, weiterzuführen, ob da ein Gast anwesend ist oder nicht. Als Gast ist man so bei Freunden am Rand mitten dabei, nicht recht zu integrieren ins Tagesgeschehen mit Arbeit, Kindergarten, Schule, gemeinsamem Essen, Spielen, Kochen, in Windeln packen oder Hausaufgaben machen, je nachdem, was im Alltag so anfällt. Als Gast fällt man zusätzlich an. Was man doof finden kann, aber ich finde es schön. Ich spiele mit, ich koche mit, nur mitsingen tue ich nicht, ich nehme beobachtend teil, als Ethnologe von außen, der isst, was auf den Tisch kommt. Ich mag das, nicht weil ich diese Sorte Familienleben als Single vermisse; es ist aber ein Geschenk, für ein paar Tage Teil dieser anderen Leben, dieser anderen Lebensform zu werden; eine Form von Gastfreundschaft, deren Schönheit in ihrer Selbstverständlichkeit liegt. Der Gast ist einer, um den kein großes Gewese gemacht wird. Man behandelt ihn, als gehörte er zum eigenen Leben. Mag sein, es ist für das „für“ nicht recht Zeit; aber das Gewähren einer Zeit und eines Raumes des „mit“ ist nicht weniger wert.

 

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Ekkehard Knörer, geboren 1971, ist Mitherausgeber der Zeitschriften Cargo und Merkur, freier Kritiker für taz, Tagesspiegel u. a. und lebt in Berlin.

 

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Mit #orbanismgastfreundschaft, einem Blog- und Gratis-E-Book-Projekt wollen wir vorsätzlich positive Bilder, Gedanken und Vorstellungen in die Welt und zum Zirkulieren bringen. Wir hoffen, es so wieder plausibler zu machen, dass es zum Menschsein gehört, anderen Freundlichkeit entgegen zu bringen und ihnen in Notsituationen auch Schutz zu gewähren.

Wir laden euch herzlich ein, uns weitere Texte zum Thema selbst erlebte Gastfreundschaft (Umfang bis 3.000 Zeichen, kann aber auch ganz kurz sein) zu schicken, die wir bloggen und in einer versionierten E-Book-Anthologie bei Orbanism Publishing veröffentlichen dürfen. Wenn Letzteres, etwa aufgrund von Buchverträgen, nicht möglich ist, können wir Texte gern auch nur bloggen. Bitte Text mit Ein-Satz-Bio in der 3. Person, dazu optional ein Link zu eigenem Herzensprojekt, gern auch ein thematisch passendes Foto sowie ein Bild, das euch selbst zeigt (bitte nur Bilder, bei denen ihr die Rechte besitzt) , per Mail an Christiane Frohmann, cf AT orbanism DOT com, senden. – Wir möchten die Rechte an den Texten und ggf. Bildern nicht exklusiv, bitte achtet aber darauf, dass ihr spätere Nutzer auf unser Nutzungsrecht hinweist. Bitte bei diesem Projekt, weil es um persönliche Haltung geht, keine Texte unter Pseudonym einreichen.

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