Happy Crickets – ein Text zur Gastfreundschaft von Simone Bauer

Vermutlich ist es keine gute Idee, in Japan in der Öffentlichkeit zu weinen. »If you have to cry, go outside« – okay, aber nun bin ich ja draußen, in einem Park im Stadtteil Ginza, Tokio, nahe des Theaters der Takarazuka Revue. Ich liebe diese Musicalgruppe, ausschließlich bestehend aus Frauen, gerade haben wir die Schauspielerinnen an der Backstagetür bewundert, aber ich habe heute Morgen meine Regel bekommen und fühle nun Panik in mir aufsteigen, gleich verliere ich mein Bewusstsein.

Ein älterer, freundlich wirkender Geschäftsmann spricht uns an, breit grinsend. Er hält mir eine dieser Grillen hin, die in Japan die Bäume übersäen und ununterbrochen schreien. Sie wurden früher in Asien als Haustiere gehalten, aber ein Kuscheltier ist diese koorogi hier nicht – sie fliegt mir, während der Mann »Cricket! Cricket!« ruft, beinahe direkt ins Gesicht.

Zunächst bin ich mehr als verwirrt und in diesem Moment des Gegenschocks vergesse ich glatt meine andere Angst. Nachdem ich mich mehrfach verbeugend für den Anblick der Grille bedankt habe, frage ich mich für den Rest des Tages, was das zu bedeuten hatte. Wollte der Mann mir einfach die Insektenvielfalt seines schönen Landes präsentieren, die einen ohnehin nicht schlafen lässt, wenn man einen Baum neben dem Hotel stehen hat? Oder wollte er mich wirklich ablenken? Denn das hat er geschafft. Und es war so viel besser als etwa ein Keks, den ich in diesem Zustand nicht hätte essen oder eine Berührung, die ich nicht hätte ertragen können.

 


Foto: (c) Simone Bauer

 

Simone Bauer, geboren 1990, auf Twitter @teaserette und auf Instagram @howmanyheartaches, ist Autorin, Journalistin und professionelles Fangirl aus München.


Foto: (c) ARLHT

 

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Mit #orbanismgastfreundschaft, einem Blog- und Gratis-E-Book-Projekt wollen wir vorsätzlich positive Bilder, Gedanken und Vorstellungen in die Welt und zum Zirkulieren bringen. Wir hoffen, es so wieder plausibler zu machen, dass es zum Menschsein gehört, anderen Freundlichkeit entgegen zu bringen und ihnen in Notsituationen auch Schutz zu gewähren.

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