Schlüssel vergessen – ein Text zur Gastfreundschaft von Jackie Asadolahzadeh

Hab schon wieder den Schlüssel vergessen. Wind zieht auf, jetzt donnert es. Erste Regentropfen prasseln auf meinen Lederranzen. Der Regen wird immer stärker, bis Kniestrümpfe und Oberschenkel vollständig mit braunen Spritzern übersät sind. Unter einer Eiche warte ich, dass jemand nach Hause kommt. Seit zwei Monaten wohnen wir hier und ich fühle mich immer noch fremd. Die Kinder in der Schule wollen mit der „Neuen“ nichts zu tun haben und nachts streunt ein Unbekannter vor unserem Haus herum, hat meine Mutter erzählt. Sie hat Fußspuren vor dem Fenster entdeckt. Jetzt friere ich, will nur noch ins Warme, oder am besten gleich zurück in unser altes Zuhause, da wo meine Schulfreunde nachmittags vorm Fenster brüllten: „Tuttifrutti, komm runter!“ Im Nachbargarten höre ich plötzlich Geräusche. Eine Terrassentür öffnet sich, jemand ruft: „Chom, chom, Djewutschka, daway, daway!“ Die junge Frau winkt. Auf dem Parkett der alten Villa bilden sich kleine Pfützen unter den Ecken meines Ranzens. Zum ersten Mal stehe ich der Nachbarin gegenüber. Sie hat ein tolles Lächeln und einen dicken, geflochtenen Zopf, spricht aber nur Russisch. Jetzt schiebt sie mich vorsichtig Richtung Stuhl. Sie bringt mir ein großes Handtuch, in das ich mich fast vollständig einwickeln kann. Wir reden in einer Art Pantomime. Sie nimmt ihre Hand zum Mund, macht kauende Bewegungen. Tatsächlich habe ich Hunger und nicke. Jemand im Nebenzimmer spielt Klavier. Als sie wiederkommt, bringt sie einen Teller Suppe mit, rot und dampfend. Noch nie zuvor habe ich Borschtsch gegessen. Langsam löffele ich, spüre die Wärme erst im Mund, dann im Bauch. Dabei schaue ich mir das Haus an, die Bilder an den Wänden, die antiken Holzmöbel. Als der Teller leer ist, lässt auch der Regen nach und ich möchte am liebsten bleiben. Es fühlt sich seltsam vertraut an. Nach dem Gewitter habe ich die Nachbarin nie mehr wiedergesehen. Borschtsch ist bis heute meine Lieblingssuppe.

 

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Foto: (c) Jackie Asadolahzadeh

 

Jackie Asadolahzadeh landete nach ihrer Flucht aus der DDR als Türsteherin in „Europe’s Hardest Club“ Bunker, schrieb Texte als Meerjungfrau für das Oceanclubradio/Radioeins, war mit Berlin Beat in eigener TV-Sendung zu erleben, fand sich in der Rolle der Nachtlebenreporterin in Gesine Danckwarts interaktiver Theater-Kneipe Chez Icke wieder und betreibt unregelmäßig einen Lesesalon ausschließlich für private Tagebücher.  Seit nun schon 17 Jahren schreibt sie Kolumnen für das Tip- Stadtmagazin, welche gesammelt im Buch Apple zum Frühstück bei Blumenbar erschienen sind.

HEUTE ABEND ist Jackie Asadolahzadeh im Neurotan Berlin die Gastgeberin bei 45 Jahre tip Berlin + 40 Jahre Zitty | Ausstellungseröffnung und Party.

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Mit #orbanismgastfreundschaft, einem Blog- und Gratis-E-Book-Projekt wollen wir vorsätzlich positive Bilder, Gedanken und Vorstellungen in die Welt und zum Zirkulieren bringen. Wir hoffen, es so wieder plausibler zu machen, dass es zum Menschsein gehört, anderen Freundlichkeit entgegen zu bringen und ihnen in Notsituationen auch Schutz zu gewähren.

Wir laden euch herzlich ein, uns – am liebsten bis zum 10. April – weitere Texte zum Thema selbst erlebte Gastfreundschaft (Umfang bis 3.000 Zeichen, kann aber auch ganz kurz sein) zu schicken, die wir bloggen und in einer Anthologie bei Orbanism Publishing veröffentlichen dürfen. Wenn Letzteres, etwa aufgrund von Buchverträgen, nicht möglich ist, können wir Texte gern auch nur bloggen. Bitte Text mit Ein-Satz-Bio in der 3. Person, dazu optional ein Link zu eigenem Herzensprojekt, gern auch ein passendes Foto, bei dem ihr die Rechte besitzt, per Mail an Christiane Frohmann, cf AT orbanism DOT com, senden. – Wir möchten die Rechte an den Texten und ggf. Bildern nicht exklusiv, bitte achtet aber darauf, dass ihr spätere Nutzer auf unser Nutzungsrecht hinweist. Bitte keine Texte unter Pseudonym einreichen.

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